«Sie wissen, was passiert, wenn Sie verschuldet sterben?» fragt der Versicherungsvertreter Vincent Bauman. «Sie werden künstlich am Leben erhalten und müssen Ihre Schulden abbezahlen.»

Der Film «Stille Reserven» handelt vom universalen und ultimativen Recht, über das wir alle verfügen: Dem Recht auf den eigenen Tod. In einer nicht allzu weit entfernten Zukunftswelt besitzen die Menschen selbst dieses nicht mehr. Wer stirbt, riskiert, dass sein Körper in den Besitz eines allmächtigen Konzerns übergeht, und von diesem kommerziell weiter ausgeschlachtet wird: als Organspender, als Leihmutter, als neuronales Rechenzentrum. Nur, wer zum Todeszeitpunkt nicht verschuldet ist – also fast niemand – oder eine teure Todesversicherung abgeschlossen hat, kann dem Schicksal entrinnen.

Die Kontrolle über den Menschen ist dieser düsteren Zukunft allumfassend. Chips, die im Handgelenk implantiert sind, stellen das reibungslose Funktionieren des Systems sicher. Identität, Zutrittsberechtigungen, Kontostand und Versicherungsstatus sind darauf gespeichert. Die Nutzung des Körpers über den Tod hinaus geschieht zum Wohl der Gesellschaft, wie Bauman einem reichen Geschäftsmann erklärt, der den Abschluss einer Todesversicherung verweigert. «Sie werden doch nicht ernsthaft den Nutzen von Vitalerhaltungsfunktion bestreiten, für die sich niemand aus freier Entscheidung hergibt.»

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Selbsterklärend, dass dem Protagonisten im Verlauf der Geschichte die Zweifel kommen. Die Begegnung mit einer Frau, die in den Nachtklubs der rückständigen Sektoren von Wien verführerische Lieder singt, wühlt den kühlen Assekuranz-Agenten auf. Ist das Gesetz wirklich richtig, das die Abkühlung des Körper eines verstorbenen Menschen unter 20 Grad verbietet? Eine zerstörerische Auseinandersetzung um Fragen der totalen Kommerzialisierung von Leben und Tod beginnt ...

Bis die Schuld abbezahlt ist

... Fragen, die letztlich über die persönliche Ebene hinausreichen, wenn man ganze Sozialsysteme im weiteren Sinne als Lebewesen begreift. «European All Risk» heisst der Konzern, der die Gesellschaft in «Stille Reserven» dominiert: Ein Name, der im aktuellen ökonomischen Kontext nicht treffender gewählt sein könnte. Denn rund um Europas Bankenpleiten und Staatsschuldenkrisen passiert nichts anderes als in der Zukunftswelt dieses Films. Organismen, die wirtschaftlich längst tot sind, werden künstlich am Leben gahalten, um noch das letzte Quentchen an Wert aus ihnen herauszupressen.

Bis die Schuld abbezahlt ist – was aber niemals der Fall sein wird. Dass Griechenland seine Kredite niemals zurückzahlen wird, ist schon seit Jahren klar. Trotzdem behält man das Land in der Eurozone, verweigert den überfälligen Bankrott. Weil es das Finanzsystem so will. Und weil der Organismus selbst im Dauerkoma noch Profite für die Gläubiger abwerfen kann. Dies jedenfalls erhoffen sich die Investoren, die künftig die privatisierte Wasserversorgung handhaben werden. Es ist keine dunkle Zukunftsvision: Bereits heute haben Gesellschaften ihr Recht auf den eigenen Wirtschaftstod weitgehend verloren.

«Stille Reserven». Österreich, Deutschland, Schweiz (2016). 96 Minuten. Von Valentin Hitz. Mit Clemens Schick, Lena Lauzemis, Daniel Olbrychski, Marion Mitterhammer, Marcus Signer. Der Film läuft am Sonntag, 2. Oktober 2016 letztmals am Zurich Film Festival und später (hoffentlich) in den Schweizer Kinos.

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