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Free Lunch
Der chinesische Balanceakt

Absturzgefahr: Model an einer Modeschau in China. Keystone

China ist hoch geflogen. Doch die Rückkehr zur Normalität ist mit Kosten verbunden. Teil zwei einer Analyse zum strauchelnden Reich der Mitte mit Michael Pettis.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 16.03.2016

Je höher der Flug, desto tiefer der Fall. Im letzten Beitrag zu China ging es um die Vergangenheit. Jetzt steht die Zukunft im Fokus: Dies ist der zweite Teil einer Zusammenfassung eines längeren Textes, den der Ökonom Michael Pettis vor kurzem auf seinem Blog publiziert hat.

Zur Erinnerung: Pettis geht, wie viele andere Beobachter auch, davon aus, dass sich in China ein grosser Schuldenberg aufgetürmt hat. Diese Schulden sind laut Pettis nicht nachhaltig – ein Entschuldungsprozess steht an. Wie aber wird dieser Prozess verlaufen?

Die Bilanz der Volkswirtschaft

Interessant ist zunächst, anhand welcher Kategorien Pettis das Land analysiert. Der in China lehrende Experte teilt die Volkswirtschaft in zwei Teile auf: in die «Aktiven» und in die «Passiven». Diese zwei Seiten entsprechen der Bilanz einer Firma. Die Aktiven sind Produktionsfaktoren wie Arbeit, Sachkapital oder Know-How, mit denen Güter und entsprechende Geldströme erzeugt werden. Die Passiven entsprechen den Ansprüchen gegenüber der Firma bzw. gegenüber der Volkswirtschaft.

Diese Zweiteilung mag betriebswirtschaftlich trivial erscheinen. Volkswirtschaftliche Analysen kranken laut Pettis aber vielfach daran, dass sie nicht rigoros zwischen den beiden Seiten unterscheiden. Denn: Alles Herumdoktern auf der Aktivseite – also alle Reformen zur Liberalisierung und ähnliches – nützt nichts, wenn die Probleme auf der Passivseite nicht auch gelöst werden – das heisst, wenn die Verschuldung der staatsnahen Betriebe gegenüber den Banken im Inland nicht in Ordnung gebracht wird. Hier nochmals eine Grafik, die zeigt, worum es geht:

Drei Arten des Schuldenabbaus

Die Erfahrung aus der Geschichte lehrt: Nach der Korrektur – die früher oder später kommen muss – wird das Wirtschaftswachstum nicht zurückkehren, bevor die Verschuldung der staatsnahen Unternehmen nicht markant reduziert wird. Der Schuldenabbau wiederum kann auf drei Arten erfolgen:

  • über einen Teilerlass der Schulden, das heisst, über Konkurse und Restrukturierungen
  • über einen impliziten Schuldenerlass, also über Gelddrucken und finanzielle Repression
  • über die Rückzahlung mit zusätzlichen Mitteln, welche die Schuldner aufgetrieben haben

Opitionen eins und zwei kommen laut Pettis nicht infrage, weil dabei letztlich die Haushalte zu Schaden kommen – Sparer verlieren ihr Geld, respektive, das Geld verliert seinen Wert. Die Konsumenten aber für die Fehlinvestitionen bezahlen zu lassen, wäre laut Pettis kontraproduktiv. Denn: Deren schwache Kaufkraft war einer der Gründe, der überhaupt erst zu den Dysbalancen in China geführt hat.

Die Verteilung der Kosten

Wie aber kann der Staat zusätzliche Mittel auftreiben, um die Schulden abzutragen? Wie Pettis schreibt, bietet sich hier wiederum nur eine Lösung an: Privatisierungen, also der Verkauf von Staatseigentum an die eigenen Bürger (oder ans Ausland). Sollte die Regierung versuchen, die Schulden mittels Steuererhöhungen abzutragen, so würde darunter wiederum der Konsum leiden – was, wie in Teil eins erklärt wurde, eine Schwäche des überholten, alten Wachstumsmodells war.

Jemand muss die Kosten eines Schuldenbooms tragen: Dies ist laut Pettis eine unumstössliche Erkenntnis aus der Wirtschaftsgeschichte. Es sei schlicht unmöglich, durch ein höheres BIP-Wachstum alleine einen Schuldenberg abzubauen, wie ihn China zuletzt aufgetürmt hat. Für den Ökonomen ist klar, wer im Fall von China zur Kasse gebeten wird: «The state must pay». Der Staat muss zahlen.

Schwierige Entscheidungen

Ohne einen Vermögenstransfer vom Staat zum Privatsektor bleiben laut Pettis nur zwei Alternativen. Die Kosten könnten entweder auf die Arbeitnehmer in Form einer höheren Arbeitslosigkeit überwälzt werden. Diese würde sich dann einstellen, wenn die Regierung in Peking den Unternehmen den Kredithahn zudreht, ohne die Unternehmensschulden zu restrukturieren. Eine längere Phase der Stagnation wäre in diesem Fall die Folge. Läuft die Kreditvergabe aber im selben Stil weiter, so steigt damit auch die Schuldenlast – bis zum Punkt, wo es zum totalen Crash kommt.

Pettis' Analyse zeigt, dass es für China keinen einfachen Ausweg aus der aktuellen Situation gibt. Das schnelle Wirtschaftswachstum der Vergangenheit ist mit Kosten in der Zukunft verbunden. Die Verteilung dieser Kosten ist nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein soziales Problem: Sie hat für verschiedene Folgen für verschiedene Schichten. Denn auch die von Pettis vorgeschlagenen Privatisierungen bergen Zündstoff. Die innergesellschaftlichen Spannungen in Fernost dürften somit eher zu- als abnehmen.

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