Kinder glauben an den Weihnachtsmann. Bankökonomen, Börsenanleger und Unternehmenschefs glauben an Donald Trump (Beispiele siehe hier, hier oder hier). An den Märkten herrscht Euphorie: Seit der Wahl des Immobilienmoguls ist der amerikanische Dow-Jones-Index Woche für Woche gestiegen. Der Indikator für die kollektive Wirtschaftseinschätzung kratzt am Allzeithöchst von 20'000 Punkten.

Trump werde in den USA einen Boom entfachen, heisst es. Kaum ein Anlageberater rät seinen Kunden in diesen Tagen von einem Investment in Amerika ab. Der starke Dollar, die starke Wirtschaft, der starke Mann an den Schalthebeln: Die Verlockungen sind zu gross, um 2017 nicht voll auf den Reality-TV-Wirtschaftspromi im Oval Office zu setzen.

Doch mindestens so gross wie die Hoffnungen ist das Enttäuschungspotenzial. Das Risiko ist beträchtlich, dass sich der ersehnte Boom als Illusion erweist. Die Entwicklung unter Trump droht zum Flop zu werden – nicht nur relativ, also im Vergleich zu den Vorschusslorbeeren, sondern absolut: im Vergleich dazu, was in Amerika eigentlich möglich wäre.

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Eigentlich muss Trump seine Versprechen brechen

Der erste Grund, der gegen ein Durchstarten spricht, ist das Politikprogramm des designierten Präsidenten. (Der nullte Grund ist eigentlich, dass es in den USA nach acht Jahren des Aufschwungs ohnehin schon gut läuft.)

Anleger zählen darauf, dass Trump massive Infrastrukturinvestitionen vornehmen wird. Das Programm setzt aber falsche Prioritäten, wie der ehemalige IWF-Chefökonom Olivier Blanchard schreibt. Trump will nicht dort investieren, wo gesamtwirtschaftlich der grösste Mehrwert entsteht (etwa bei Reperaturen oder in die Bildung), sondern dort, wo Investoren die grösste Rendite erzielen können. Er will Projekte fördern, mit denen private Geldgeber einen Profit erzielen können.

Das Problem an dieser Idee ist: Einerseits entzieht bezahlpflichtige Infrastruktur der Bevölkerung einen Teil ihrer Kaufkraft, die dann an anderen Orten fehlt. Andererseits drohen Mitnahmeeffekte. Das heisst, dass Firmen vom Staat mit Steuergutschriften bedacht werden für Projekte, die ohnehin ausgeführt würden. Der Staat gibt unnötig Geld aus, das er später in Form von Steuern wieder eintreiben muss. Der Optimismus gegenüber Trump gründet also auf einem Missverständnis, was es mit seinem Infrastrukturprogramm wirklich auf sich hat.

Weiter speist er sich aus der Hoffnung, dass Trump einen entscheidenden Teil seiner Wahlversprechen gerade NICHT umsetzt: Den protektionistischen Teil, bestehend aus hohen Zöllen gegenüber Importen aus China und Mexiko und einer eingeschränkten Einwanderung. Zahllose Experten haben sich der Wahl gewerweisst, wie ernst es dem New Yorker Geschäftsmann mit diesen Drohungen wirklich sei. Fakt ist: Die Abschottung bleibt in den nächsten vier Jahren ein Abwärtsrisiko. Bestenfalls bleibt bei den Handelsbeziehungen abseits aller markigen Rhetorik alles so, wie es vor den Präsidentschaftwahlen bereits war.

Was Trump der Wirtschaft konkret bieten kann, ist die Lockerung von Umweltvorschriften. Der Neugewählte könnte einen Deregulierungsboom entfachen, wenn man so will. Welche Firmen davon profitieren würden, ist seit dem Tag eins auch klar: Energieunternehmen, aus dem Öl- und vor allem aus dem Kohlesektor.

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Wenn nun einige Kohlearbeiter in den USA deswegen nicht ihren Job verlieren, ist das für die Betroffenen sicher positiv. Dass die amerikanische Gesamtwirtschaft auf der Basis von «sauberer, schöner Kohle» in Zukunft schneller vorankommt, ist aber doch arg zweifelhaft. Entscheidend dafür wird primär sein, wie sich Technologie und Produktivität auf der breiten Front entwickeln.

Volkswirtschaften wachsen mit soliden Institutionen

Damit zum zweiten Punkt. Was bringt eine Volkswirtschaft wie die USA mittel- bis langfristig voran? Aus dem Trump-Umfeld ist zu hören, mit dem neuen Präsidenten werde das Wirtschaftswachstum auf 4 Prozent steigen. Selbst wenn es wünschenswert wäre, die US-Wirtschaft etwas zu überhitzen (dazu am besten nochmals Blanchard), sind gegenüber einer solchen Steigerung jedoch Vorbehalte angezeigt.

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Im Durchschnitt der letzten 16 Jahre unter George W. Bush und Barack Obama betrug das BIP-Wachstum gerade einmal knapp 2 Prozent. Die Wirtschaftsgeschichte lehrt, dass das Wachstum in Industrieländern über die Jahrzehnte langsam abgenommen hat. Abweichungen von wenigen Zehntelsprozenten pro Jahr sind auf die lange Sicht bereits ein riesen Unterschied.

Was ein Land braucht, um langfristig und anhaltend zu wachsen, ist bekannt. Zum einen hilft alles, was mit Bildung, Fortschritt, Effizienz und dem Einsatz von neuen Technologien zu tun hat. Das andere sind die Institutionen des Rechtsstaats: Gewaltenteilung, Behördenverlässlichkeit, Meinungsfreiheit, Demokratie.

Mit Blick auf China könnte man versucht zu sein, zu sagen, dass Stabilität sogar wichtiger ist als Demokratie. Der Punkt ist aber ein anderer. Keine der Eigenschaften, mit denen Trump bisher brilliert hat, figurieren in der Liste der wissenschaftlich belegten Erfolgsrezepte. Im Gegenteil. Ein Regime, das auf Günstlingswirtschaft, Ad-Hoc-Politik und intransparentem Dealmaking basiert, führt meist ins Verderben. Der Journalist Greg Ip beschreibt diese Zusammenhänge im «Wall Street Journal» treffend.

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Man muss die Trump-Administration (noch) nicht mit den populistischen Regierungen gleichsetzen, die in Südamerika oder in Afrika regelmässige Boom-Bust-Zyklen initiierten und ihre Volkswirtschaften Mal für Mal auf die schiefe Bahn lenkten. Es genügt, festzuhalten, dass Trump keinen Plan hat, wie er die wahren Probleme der USA anpacken will: mangelnder Zugang zu universitärer Bildung für breite Bevölkerungsschichten, chronisch niedrige Sparquoten der Haushalte, exzessive Abhängigkeit von billigem Kapital aus dem Ausland, ein immer höheres Vermögensgefälle. Das Handelsdefizit, ein weiteres chronisches US-Problem, droht sich unter Trump sogar auszuweiten.

Der Base Case und der Worst Case unter Trump

Trump beklagt sich regelmässig über China. Amerika werde über den Tisch gezogen. In gewissem Sinn hat er Recht. Der Dollar ist zu stark: Im Vergleich zu den US-Handelspartnern ist er mindestens 10 Prozent überbewertet. Die Stärke des Greenback, die gleichzeitig eine Schwäche des Euro und vieler Schwellenländerwährungen ist, hilft den USA nicht, ihre wirtschaftlichen Dysbalancen ausgzugleichen.

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Auch für den Rest der Welt ist die Verzerrung problematisch. Viele Firmen in Schwellenländern haben sich in Dollar verschuldet und sind nun mit höheren Zinsen konfrontiert. Sie zahlen nun fleissig Dollar-Kredite zurück, was die US-Währung zusätzlich stärkt. Mit Trumps Politik hat diese Tatsache momentan noch wenig zu tun. Ändern würde sie sich, wenn Trump wirklich Infrastrukturausgaben im grossen Stil tätigt. Dann dürfte sich der Dollar zusätzlich aufwerten – nicht zwingend zu Gunsten einer nachhaltigen Gesundung der US-Wirtschaft.

Wie eine solche Gesundung herbeizuführen wäre, liegt eigentlich auf der Hand. Die USA müssten dazu ihre internen, sozialen und verteilpolitischen Fundamentalprobleme angehen. Zusätzliche Schulden im grossen Stil braucht es nicht – es genügt, die Steuern für grosse Vermögen zu erhöhen. Bei Trump deutet allerdings nichts in diese Richtung, ebenso wenig wie Anzeichen für eine echte Bekämpfung von Korruption und Lobbyismus erkennbar sind. So gesehen ist mittelfristig eine Stagnation das Basisszenario.

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Der eigentliche Worst Case unter Trump wäre eine exzessive Ankurbelung der US-Wirtschaft in den kommenden zwei Jahren – begleitet von einem starken Dollar, steigenden Zinsen und allem, was dazugehört. Laufen die Programme aus, ginge den USA dann der Schnauf aus. Die Konjunktur würde sich ins Gegenteil verkehren, die Zinsen blieben trotz magerem Wachstum hoch, der Dollar verlöre an Wert. Ein solches Ende des Populistenzyklus wäre auch eine Basis für einen Neuanfang. Trotzdem kann wahrlich niemand darauf hoffen.