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Free Lunch
Die politische Ökonomie des Populismus

Die Stunde des Populismus hat geschlagen: Donald Trump und Nigel Farage.Twitter

Warum populistische Politiker an die Macht kommen – und warum wir nicht damit rechnen sollten, dass sie diese bald wieder abgeben.

Kommentar  
Von Paul Donovan
am 24.11.2016

Anleger haben den Populismus stets unterschätzt. Nach der Wahl von Donald Trump findet nun plötzlich eine Neubewertung statt, was Populismus im weiteren Sinne bedeuten könnte. Wie es scheint, wird Populismus in den kommenden Jahren eine signifikante und möglicherweise destabilisierende Rolle auf den globalen Märkten spielen.

Für Populisten haben die Meinungen der Mehrheit der Bevölkerung Priorität. Das ist anders als in der Demokratie – diese räumt Minderheiten Rechte ein und schafft Institutionen, um diese Rechte zu schützen. Ein Merkmal des Populismus ist es, dass der Wille der Mehrheit der einzige Legitimationsfaktor ist. Der Populismus spricht diejenigen in der Gesellschaft an, die durch die wirtschaftlichen Entwicklungen des letzten Vierteljahrhunderts benachteiligt wurden. Das relative Einkommen älterer, geringqualifizierter Arbeitnehmer in ländlichen Gebieten ist gesunken. Populistische Politiker können Unterstützung finden, wenn sie behaupten, dieser Gruppe «eine Stimme» zu geben.

Populismus wird auch durch die sozialen Medien begünstigt. Diese unterstützen die Idee der direkten Demokratie – jede Meinung sollte gehört werden. Wenn man beim Eurovision Song Contest direkt abstimmen kann, wieso sollte man das nicht auch bei Verhandlungen über den Freihandel können? Die meisten Verfassungen sehen jedoch eine Form der repräsentativen Demokratie vor – die Menschen wählen jemanden, von dem sie annehmen, er sei am besten qualifiziert, um stellvertretend für sie zu entscheiden. Wenn direkte Demokratie und repräsentative Demokratie aufeinanderprallen, schlägt die Stunde populistischer Politiker, die sich für die Stimme des Volkes halten.

Der Populismus ist gekommen, um zu bleiben

Auf den Finanzmärkten sind die Risiken des Populismus in der Regel nicht sehr genau eingepreist. Anleger, Fondsmanager und Trader gehören fast per Definition nicht zu den Menschen, die im letzten Vierteljahrhundert benachteiligt wurden. Ihre Meinungen und jene der sozialen Schichten, in denen sie sich bewegen, decken sich wahrscheinlich nicht mit populistischen Ansichten.

Hinzu kommt ein Glaube an den Status quo. Die Anleger halten an ihrer Überzeugung fest, dass Populisten es mit ihren Aussagen nicht wirklich ernst meinen können, dass die Märkte eine Änderung der Politik erzwingen werden oder dass der Status quo bestehen bleiben wird. Ein Ereignis, das den Status quo in Frage stellt, kann unverhältnismässig starke Marktreaktionen auslösen. Als der britische High Court entschied, das Parlament müsse über den Austritt Grossbritanniens aus der EU abstimmen, waren Anleger plötzlich wieder interessiert an der Vorstellung, der Ausgang des Referendums könnte rückgängig gemacht werden. Als Trump bei seiner vorformulierten Siegesrede versöhnliche Töne anschlug, wie man sie von konventionelleren Präsidentschaftskandidaten erwartet hätte, interpretierte der Markt dies als ein Signal einer Annäherung an Mainstream-Politik. Beide Reaktionen sagen wahrscheinlich mehr aus über die Wünsche des Marktes als über die politische Realität.

Populismus schafft also mehr Marktunsicherheit: Die Anleger überreagieren wahrscheinlich auf jedes Signal eines Comebacks einer eher konventionellen Politik. Populismus schafft auch mehr Unsicherheit, da die internationale Wirtschaftsentwicklung des letzten Vierteljahrhunderts umgedreht wird. Das wiederum erzeugt Unsicherheit über die neue Richtung in der internationalen Politik und die Auswirkungen dieser Richtungsänderung. Und schliesslich sind populistische Strömungen schwer zu prognostizieren, was die Unsicherheit zusätzlich verstärkt. Die Meinungsumfragen werden belächelt, weil sie den politischen Populismus immer wieder unterschätzen. Die Anleger werden deshalb den kommenden Wahlen in Europa voraussichtlich mit einem erhöhten Unsicherheitsrisiko entgegensehen.

Populistische Politik wird möglicherweise aber nicht in der Lage sein, die Probleme der Benachteiligten zu lösen. Gruppen mit niedrigem Einkommen und geringer Ausbildung dürften von Trumps Steuersenkungen und Infrastrukturausgaben kaum direkt profitieren (die meisten Bauarbeiter sind qualifizierte oder angelernte Arbeitskräfte, und ein Anstieg der Wohnkosten infolge der Stimulierungsmassnahmen würde Familien mit niedrigem Einkommen überproportional stark belasten). Dadurch entsteht das Risiko einer noch aggressiveren populistischen Politik, die zu noch mehr Unsicherheit führen würde.

Populismus ist kein vorübergehendes Phänomen. Strukturell gesehen wird uns der Populismus noch eine Weile begleiten. Das lässt instabilere Finanzmärkte erwarten. Die Welt ist unsicherer geworden.

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