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Die Ungleichheit ist grösser, als es offizielle Daten zeigen

Arbeitslose Spanier: Die Ungleichheit in den Industrieländern nimmt zu. Keystone

Die globale Einkommensungleichheit ist in den letzten 25 Jahren stark gesunken. Doch innerhalb der Industrieländer sieht der Trend ganz anders aus. Das kann die polititsche Unzufriedenheit erklären.

Kommentar  
Von Paul Donovan
am 31.07.2017

Die Einkommensungleichheit ist in den letzten 25 Jahren weltweit stark zurückgegangen. Der Anteil der Weltbevölkerung, der in Armut lebt, ist heute so gering wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Menschen, die die gleiche Arbeit in unterschiedlichen Ländern verrichten, verdienen nun eher ähnliche Löhne. Innerhalb einer Volkswirtschaft hat die Ungleichheit jedoch zugenommen. In fast jeder grossen Volkswirtschaft wird die Kluft zwischen den reichsten und ärmsten Mitgliedern der Gesellschaft immer grösser. Das schafft politische, soziale und wirtschaftliche Probleme.

Was die meisten Menschen interessiert, ist nicht das Einkommen als solches, sondern der Lebensstandard. Schliesslich ist es das, was Geld kaufen kann, was Geld so wichtig macht. Der Lebensstandard ist untrennbar verknüpft mit der realen Inflation oder dem inflationsbereinigten Einkommen. Daraus entsteht ein Problem, denn neben der Einkommensungleichheit gibt es noch die Inflationsungleichheit.

Die Inflation misst den Preisanstieg von Dingen, die von einem durchschnittlichen Konsumenten gekauft werden. Das Problem: Was bedeutet «durchschnittlich»? Welche Dinge sind wichtig und welche sind wichtiger, wenn die Inflation berechnet wird? In vielen Ländern wird einfach darauf geschaut, wofür die Menschen ihr Geld ausgeben. Wenn die Menschen mehr Geld für ein bestimmtes Produkt ausgeben, dann sollte dieses Produkt eine grössere Bedeutung bei der Berechnung der Inflationsrate erhalten. Das klingt alles sehr logisch.

Inflation ist eine plutokratische statistische Grösse

Wenn jedoch Menschen mehr Geld zum Ausgeben haben (sie sind reich), dann haben sie mehr Einfluss über die Dinge, die zur Messung der Inflation herangezogen werden. Eine Person, die 100 Dollar ausgeben kann, ist so wichtig wie zehn Menschen, die jeweils 10 Dollar ausgeben können. Kurzum: Die Inflation ist eine plutokratische statistische Grösse, keine demokratische; ein Dollar, eine Stimme statt eine Person, eine Stimme.

Da die Berechnung der Inflation auf den Ausgaben reicher Menschen basiert, repräsentiert die Inflation den Preis der Dinge, die vom reichsten Drittel eines Landes gekauft werden. Stiege der Preis aller Dinge jederzeit im gleichen Tempo, würde das zweifellos kein Problem darstellen. Das geschieht jedoch nie.

In der realen Welt steigt der Preis mancher Dinge schneller als der anderer. In den letzten Jahren sind die Preise für Lebensmittel, Energie und Wohnungen tendenziell schneller gestiegen als die durchschnittliche Inflation. Energie verteuerte sich, weil es sich um den Strompreis und nicht den Rohölpreis handelte. Menschen mit niedrigem Einkommen geben viel mehr aus für Lebensmittel, Energie und Wohnung als Menschen mit hohem Einkommen. Auch im Gesundheitswesen haben die Preise insgesamt stärker zugelegt als die durchschnittliche Inflation. So geben ältere Menschen viel mehr für ihre Gesundheit aus als jüngere Menschen.

Persönliche Inflation unterscheidet sich von offizieller Inflation

Für Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen und ältere Menschen ist die Inflation höher als die offiziell ausgewiesenen Inflationsdaten. Das bedeutet, dass durch die Verwendung von offiziellen Inflationsdaten zur Berechnung von Unterschieden in den Lebensstandards das wirkliche Problem unterschätzt wird. Menschen mit niedrigerem Einkommen haben weniger Geld zum Ausgeben zur Verfügung als ihre reicheren Pendants, und der Preis der Dinge, die sie kaufen, steigt schneller. Alt zu sein ist teurer, als jung zu sein.

Die Tatsache, dass die Ungleichheit grösser ist, als es die offiziellen Daten nahelegen, könnte ein Grund sein, warum die Anti-Establishment-Parteien Zulauf erhalten. In Ländern mit einer grösseren Inflationsungleichheit (wie in den USA) erhalten Anti-Establishment-Politiker tendenziell eine grössere Unterstützung. Stiegen die Lebensmittelpreise weltweit im weiteren Jahresverlauf (wie 2007), würde sich die Inflationsungleichheit verschlimmern.

Steigende Lebensmittelpreise oder ein anderer Faktor für ungleiche Lebensverhältnisse könnten weitreichende Auswirkungen auf die Politik und die Finanzanlagen haben. Die Anleger müssen sich bewusst sein, dass ihre eigene Inflationsrate nicht die gleiche ist wie die offizielle Inflationsrate, und dass ihre realen Anlegerenditen nicht denen entsprechen, die sie erwarten.

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