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Free Lunch
Die verborgenen Tücken der steigenden Inflation

Überproportionaler Anteil im Haushaltsbudget ärmerer Schichten: Nahrungsmittel.Keystone

Die Inflation meldet sich zurück. Doch nicht alle Firmen und Bevölkerungsgruppen sind gleichermassen betroffen.

Kommentar  
Von Paul Donovan
am 30.01.2017

Die niedrigen Ölpreise haben die Gesamtinflationsraten in den letzten Jahren nach unten gedrückt und die Illusion einer geringen Inflation geschaffen. Jetzt ist die Inflation zurück – wegen unterschiedlicher Ursachen und mit Konsequenzen auf mehreren Ebenen. Hier die wichtigsten Zusammenhänge im Überblick:

Der Einfluss der Ölpreise

Zunächst zum Einfluss der Ölpreise. Rohöl ist eigentlich kein direkter Bestandteil der Konsumausgaben. Konsumenten kaufen es aber indirekt in Form von Benzin, Flugtickets (Flugbenzin) und Nahrungsmitteln (dieselgetriebene Lieferwagen). Wird Rohöl teurer, hat dies somit negative Folgen für die Inflation. Denn die Preise für Benzin, Flugtickets und Nahrungsmittel sind in der Konsumentenpreisinflation enthalten.

Doch wie gross ist der Effekt? Rohöl macht rund 5 Prozent des Konsumentenpreisindex der Industrieländer aus. Dagegen generieren die inländischen Arbeitskosten rund 70 Prozent des Konsumentenpreisindex. Die inländischen Arbeitskosten tangieren aber auch die Preise importierter Güter, denn auch Importfirmen müssen brauchen Verkäufer, Werbefachleute oder Lastwagenfahrer.

Die Rückkehr der Inflation erfolgt also nicht geradlinig – denn Inflation ist nicht gleich Inflation. Es gibt drei Komplikationen.

1. Es kommt darauf an, wo Sie sind

Bei ansteigenden Arbeitskosten tolerieren die Unternehmen entweder eine geringere Gewinnmarge oder versuchen, die höheren Arbeitskosten über höhere Preise auf ihre Kunden abzuwälzen. Mit der allmählichen Stabilisierung der Ölpreise ist der Arbeitskostendruck auf die Inflation offensichtlicher. Inländische Arbeitskosten entstehen durch die  inländische Wirtschaftslage.

Anders gesagt: Inflation ist ein lokales Problem. Dies ist der Grund, weshalb Venezuela eine Hyperinflation erlebte, während gleichzeitig die Schweiz eine Deflation verzeichnete. Da die Ölpreise nun nicht mehr sinken, dürften Deutschland und die USA (bei höherem Lohndruck) eine stärkere Inflation verzeichnen. Griechenland (bei geringerem Lohndruck) dürfte eine gedämpfte Inflation erleben.

2. Es kommt darauf an, was Sie sind

Nicht alle Firmen verfügen über dieselbe Preissetzungsmacht. Die meisten Unternehmen verkaufen an andere Unternehmen, nicht an Konsumenten. Es sind deshalb die Produzentenpreise, nicht die Konsumentenpreise, die für die unternehmerische Kaufkraft von Belang sind (der Einzelhandelssektor ist die Ausnahme). Wenn die Konsumentenpreise durch Abgaben oder Gebühren angehoben werden, kommt dies den Gewinnen von Unternehmen, die an andere Firmen verkaufen, nicht zugute.

Die Inflation variiert auch von Sektor zu Sektor. Der Wohnbau, das Gesundheitswesen und das Bildungswesen machen 45 Prozent des US-Konsumentenpreisindex aus, sind aber an der US-Börse weniger wichtig. Tatsächlich verfügen Konsumenten bei steigenden Preisen für Wohnbau, Gesundheit und Bildung über weniger Einkommen, das sie für andere Produkte ausgeben können. So könnten die Ausgaben für Freizeitaktivitäten durch die Preissetzungsmacht im Gesundheitswesen begrenzt werden. Aktien aus dem Freizeitsektor würden etwa die Inflation im Gesundheitswesen nicht absichern.

3. Es kommt darauf an, wer Sie sind

Unterschiedliche Konsumenten kaufen unterschiedliche Dinge. Das Ausgabeverhalten älterer Personen unterscheidet sich von jenem junger Leute. Das Ausgabenmuster von Gruppen mit hohem Einkommen variiert von demjenigen von niedrigen Einkommensgruppen. Im Allgemeinen sind die niedrigen Einkommensgruppen oder die älteren Konsumenten einem überdurchschnittlichen Preisdruck ausgesetzt. Falls Sie es einrichten können, ist es günstiger, jung und reich zu sein.

Die Ungleichheit bei der Inflation hat politische Auswirkungen. Niedrigere Einkommensgruppen, die vom Wohlstand «abgehängt werden», spüren möglicherweise, dass ihr Lebensstandard sich nicht verbessert, falls sich die Ungleichheit bei der Inflation fortsetzt. Falls die Preise der Güter, die von niedrigen Einkommensgruppen gekauft werden, durch den Handelsprotektionismus unverhältnismässig steigen, könnte die nachfolgende Ungleichheit den Lebensstandard jener Personen gefährden, die primär den politischen Populismus unterstützt haben.

Der Teufel steckt im Detail

2017 ist das Jahr, in dem die Inflation aus dem Schatten des tiefen Ölpreises tritt. Anleger müssen berücksichtigen, was die gestiegenen Inflationsindizes für ihre Portfolios bedeuten. Nicht alle Aktien sichern Inflationsrisiken gleichermassen ab. Inflation ist kein simples Konzept: Ihre Nuancen sind wohl deren interessantester Aspekt, während die Welt zur alten Normalität beschleunigter Preiserhöhungen zurückkehrt.

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