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Free Lunch
«In drei Jahren wird der Dollar fallen»

«Man gibt dem Ball einen Kick, und dann rollt er»: Li Daokui. zvg

Der Ökonom Li Daokui erklärt, warum die Schweiz und China vom Handel profitieren. Und er prophezeit den USA eine harte Landung.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 06.02.2017

Letztes Jahr galt China als weltwirtschaftliches Risiko. Heute spricht niemand mehr davon. Was ist passiert?
Die Wahrnehmung war viel zu negativ. China wird keinen Absturz erleben, weil es über die Mittel verfügt, um sich die nächsten Jahre durchzuwursteln. Für die Lösung der mittel- und längerfristigen Probleme bleibt genug Zeit.

Warum kommt es in China nicht zum Crash?
China hat eine sehr hohe Sparquote. Sie liegt nach meinen konservativen Schätzungen bei 38 Prozent des BIP, wenn man Haushalte und Firmen zusammenzählt. Das ist doppelt so viel wie in den USA. Kurzfristig kann sich China deshalb noch relativ leicht weiter verschulden und weiter wachsen. Die Untergangspropheten übersehen diesen Zusammenhang.

Hohe Sparquoten bedeuten, dass viel Geld da ist – Geld, das auch im Ausland investiert werden will. Haben die Kapitalabflüsse ihren Zenit schon erreicht?
Die Abflüsse sind ein Risiko, das China in den Griff kriegen muss. Wichtig ist, dass Geld aus dem «alten» in den «neuen» Unternehmenssektor geschleust wird, statt dass es ins Ausland abfliesst. Eigentlich gäbe es viele Möglichkeiten für lukrative Investments im Inland. Allerdings sind viele reiche Chinesen pessimistisch. Sie bringen ihr Geld lieber zur Bank, stecken es in Immobilien oder investieren es in Dollar.

Was sind das für Leute?
Unternehmer, die vor zwanzig oder dreissig Jahren eine Firma gegründet haben und nun verkaufen. Die Stimmung ist in diesen Kreisen nicht sehr positiv. In China gibt es zum Beispiel immer noch 2000 Zementfabriken. Viele davon sind inzwischen unprofitabel. Eine Konsolidierung steht an. Wären die Besitzer dieser Firmen wie Jack Ma, würden sie vielleicht auf E-Commerce umsatteln und ein zweites Alibaba zu gründen versuchen. Doch das sind sie nicht. So stecken sie ihr verbleibendes Geld in ausländische Anlagen, weil sie den Eindruck haben, der Renminbi würde bald an Wert verlieren.

Ist dieser Eindruck denn falsch?
Ja. China erzielt nach wie vor Handelsüberschüsse. Sie betragen ungefähr 250 Milliarden Dollar, das entspricht ungefähr 2,5 Prozent des BIP. Das ist viel Geld! Die USA erzielen derweil ein Handelsdefizit. Diese Konstellation bedeutet, dass der Dollar über die nächsten drei oder vier Jahre an Wert verlieren wird.

Warum realisiert das die Börse nicht?
Momentan überschiesst der Dollar, weil Investoren unrealistische Erwartungen an Donald Trump haben. Sie glauben, dass die Administration gleich ab dem ersten Tag die Steuern senkt, sofort die Bagger auffahren lässt und Infrastrukturprojekte umsetzt und subito Zölle einführt gibt – so, dass in den USA ein Boom entsteht, es zu einem Mangel an Dollars kommt, die Zinsen steigen und deshalb auch der Dollar gewinnt. Das ist der Grund, warum momentan viel Geld in die USA fliesst. Doch das wird nicht ewig so bleiben.

Stecken wir in einer Trump-Blase?
Ein guter Ausdruck. Ich habe bis jetzt von einem Trump-Schock gesprochen, aber eigentlich ist es eine Dollar-Blase. Die Federal Reserve hat ihren Teil dazu beigetragen. Seit Jahren spricht sie nur von Zinserhöhungen, Zinserhöhungen und nochmals Zinserhöhungen. Als Folge davon ist in den letzten zwei Jahren enorm viel Geld in die USA geflossen. Nach meinen Berechnungen waren es insgesamt 50 bis 80 Milliarden Dollar pro Monat. Diese Geldströme haben in der US-Wirtschaft eine ähnliche Wirkung wie ein zusätzliches QE-Programm entfaltet.

Fliesst das Geld irgendwann wieder ab?
Ja. Es wird ähnlich sein wie in Lateinamerika. Den dortigen Krisen ging immer zuerst ein Kreditboom mit hohen Geldzuflüssen voraus. Das war in Brasilien so und auch in Mexiko. Später realisierten die Investoren, dass diese Länder doch nicht so gut laufen, und die Flüsse kehrten sich in ihr Gegenteil um.

Seit der Finanzkrise schwankt das Wachstum in den USA beständig zwischen 1,5 und 2,5 Prozent. Ist es überhaupt denkbar, dass Trump während seiner Amtszeit konstant höhere Wachstumsraten schafft?
Das bezweifle ich sehr. Das natürliche Wachstumspotenzial der US-Wirtschaft liegt zwischen 2 und 2,5 Prozent. Man kann sich kaum vorstellen, dass das Potenzial plötzlich auf 3 bis 4 Prozent steigt. Überhitzt man die Wirtschaft trotzdem auf diese Raten, entsteht Stress. Es entsteht Arbeitskräftemangel, die Inflation steigt, Hauspreise und Börsenkurse überschiessen.

Dann ist es in den USA also ein ähnliches Thema wie in China. Ökonomen wie Michael Pettis sagen, je länger China sein derzeitiges Wachstumstempo von rund 6 Prozent forciert, desto härter wird danach die Landung.
Das sehe ich überhaupt nicht so. Das Pro-Kopf-Einkommen in China ist noch immer fünfmal kleiner als jenes in den USA. China ist jetzt am Punkt, an dem die US-Wirtschaft vor 65 Jahren stand. Die Arbeitsproduktivität beträgt er rund 17 Prozent im Vergleich zu den USA. Es gibt für China also noch viele Möglichkeiten, aufzuholen. Wirtschaftswachstum ist im wesentlichen ein Lernprozess. Manche Länder verfügen über bessere Bildung und effizientere Organisationsformen, deshalb können sie mehr Dinge produzieren. Andere Länder können davon lernen. China verbessert sich laufend. Bereits besuchen 38 Prozent der Jungen eine Hochschule. Dank der Globalisierung verbreitet sich das Wissen rasch.

China weist, wie Sie sagen, erst 20 Prozent des Pro-Kopf-Einkommens der USA auf. Aber es hat bereits heute so hohe Schulden wie die USA: 250 Prozent des BIP. Droht der Saft vorzeitig auszugehen?
Man kann die gesamtwirtschaftlichen Verschuldungszahlen nicht eins zu eins vergleichen. Der entscheidende Unterschied ist die hohe Sparquote in China. Die Tatsache, dass Haushalte viel Geld zur Seite legen, bedeutet, dass die Schulden noch bis 350 Prozent des BIP oder höher steigen können, ohne dass die Wirtschaft aus dem Gleichgewicht gerät. In Japan, einem anderen Land mit hoher Sparquote, liegt die Verschuldung übrigens bei 400 Prozent des BIP.

Trotzdem spricht man über eine Schuldenblase. Staatseigene Firmen müssen schliessen. Wer zahlt am Schluss die Rechnung? Die Arbeiter? Die Steuerzahler?
Den grössten Teil übernehmen die Banken. Sie haben Reserven aufgehäuft, um notleidende Kredite zu decken. Man muss sehen, dass die Kreditinstitute in der Vergangenheit dank einer garantierten Zinsmarge von 3 Prozent sehr profitabel waren – zu profitabel, im politischen Sinn. Deshalb wurden sie auch attackiert. Um den Druck zu lindern, haben sie ihre Rückstellungen erhöht. Das sah dann in der Buchhaltung wie Kosten aus, aber in Wahrheit haben sie Geld zur Seite gelegt. Ein Teil davon wird jetzt für die Abschreibungen gebraucht. Daneben werden einzelne Investoren bluten, die Firmenanleihen gekauft haben. Das sind aber nicht so viele.

China möchte eine globale Führungsmacht werden. Die Credit Suisse sagt, China werde vorerst eine regionale Macht bleiben. Wer hat recht?
Man muss das China von heute mit den Vereinigten Staaten von vor 200 Jahren vergleichen. Damals war James Monroe der fünfte Präsident der Vereinigten Staaten. Seine Doktrin besagte: Lateinamerika ist unser Hinterhof – und ihr Europäer haltet euch da bitte raus, lasst Lateinamerika allein und gründet dort keine Kolonien. Mit China ist es heute ähnlich. Es gibt zwar keine offizielle Doktrin, aber die inoffizielle Haltung ist: Die ASEAN-Länder und das südchinesische Meer, das sind unsere Nachbarn. Wir handeln mit diesen Ländern unter unseren eigenen Prämissen.

Barack Obama verstand den Handel mit Asien als wertebasiertes Geschäft: Wir handeln mit euch, aber ihr müsst euch zu Demokratie, sozialen Standards und Umweltauflagen verpflichten. Was ist die chinesische Handelsphilosophie?
Dazu wurde öffentlich nie etwas gesagt. Meinem Verständnis nach sagt sich China: Betreiben wir erstmal gemeinsamen Handel, damit sich unsere Wirtschaften entwickeln können. Im Lauf der Entwicklung, wenn der Wohlstand steigt, werden die Menschen dann automatisch mehr Rechte verlangen – politische Rechte, Rechte zum Schutz des geisteigen Eigentums, etc. Die Idee ist, die Ereignisse fliessen zu lassen. Man gibt dem Ball einen Kick, und dann rollt er. Und das eine führt zum anderen. Das ist ein anderer Ansatz als jener, den bis vor kurzem in Washington verfolgte. Dort orientierte man sich an einer Checkliste: Potenzielle Partnerländer müssen eine, zwei, drei, vier, fünf Bedingungen erfüllen – und dann ist gemeinsamer Handel möglich. Ich denke, dass der chinesische Ansatz in Entwicklungsländern aber besser funktioniert. Eine Demokratie kann man ja ohnehin nicht auf dem Reissbrett entwickeln. Zuerst müssen die Menschen müssen zuerst genug Essen, Kleider und ein Dach über dem Kopf haben.

Donald Trump versteht sich als Dealmaker. Was ändert sich nun?
Er wird mit China wohl einen Deal aushandeln, der ungefähr so aussieht: China gewährt den USA bessere Handelsbedingungen, dafür halten sich die USA aus dem asiatischen Hinterhof heraus und überlässt Peking das südchinesische Meer.

Was für Konzessionen kann China beim Handel machen?
Vor allem kann China den USA tiefere Zölle gewähren. Statt 25 Prozent werden an der Grenze noch 5 Prozent verlangt. So kann General Motors in Detroit mehr Autos herstellen und in China verkaufen. Die zweite Konzession besteht darin, US-Firmen einen grösseren Aktienanteil in lokalen Joint-Ventures zu erlauben. GM besitzt aktuell 49 Prozent eines extrem profitablen Joint-Ventures in Shanghai. Wenn GM 75 oder sogar 100 Prozent erhält, wird die Firma in China mehr Geld verdienen.

Welche strategische Bedeutung hat das Freihandelsabkommen mit der Schweiz für China?
Das Abkommen setzt chinesische Firmen in direkte Konkurrenz zu Schweizer Firmen. Das zwingt China, von der Schweiz zu lernen. Zudem erhalten chinesische Konsumenten eine grössere Auswahl an hochwertigen Produkten. Bei mir zu Hause habe ich eine Schweizer Matratze von Swissflex – die sind jetzt populär in China und stark nachgefragt. Dank dem Handelsabkommen sind die Zölle tiefer.

Warum kauft sich ein chinesischer Ökonom eine Schweizer Matratze?
Ich habe das Produkt hier am WEF entdeckt. Die Hotels hier sehen ja sehr schlicht, fast spartanisch aus. Aber die Matratze war sehr komfortabel. Da habe ich den Hotelier nach der Marke gefragt und mich in China danach umgeschaut. Die Schweizer Firma hat vierzig Jahre Forschung in ihr Produkt investiert. Meine Familie wird nun davon profitieren.

Eine Unternehmensgruppe, die sich schwertut in China, sind die Banken. Aktuell dürfen sie nur 49 Prozent an Joint-Ventures besitzen. Braucht die Schweiz auch einen Donald Trump, der China für uns knackt?
Aus chinesischer Sicht geht es wohl darum, dass die ausländischen Besitzer zuerst beweisen, dass sie Banken effizienter betreiben können als lokale Besitzer. Die Finanzindustrie in China ist ein trickreiches Geschäft. Die lokalen Unternehmen haben über die Jahre sehr schnell gelernt. Zumindest im Massenmarkt sind sie sehr kompetitiv. Im Private Banking sind die Schweizer Banken besser. Da besteht Spielraum für Verhandlungen.

Der Kauf von Syngenta durch Chemchina war der grösste grenzüberschreitende Deal eines chinesischen Käufers, den es jemals gab. Wann geht es in die andere Richtung?
Dass chinesische Firmen von ausländischen Firmen gekauft werden, ist schon lange normal. Was neu ist, ist, dass Chinesen jetzt auch im Ausland investieren. Der Finanzsektor ist etwas eine Ausnahme. Ich denke aber, dass China hier noch mehr öffnen könnte. Vor zwanzig Jahren gab es Bedenken, dass die lokalen Banken so schlecht seien, dass sie von den Ausländern sofort vom Markt weggefegt würden. Heute sind diese Bedenken nicht mehr berechtigt. Chinesische Finanzinstitute haben viel gelernt.

Wann wird China seine Währung und seinen Kapitalmarkt vollständig öffnen, so dass der Renminbi seiner angedachten Rolle als Reservewährung gerecht werden kann?
Das dauert wohl noch fünfzehn Jahre. Chinas Finanzsektor muss sich stabilisieren. Die Aktien- und Anleihenpreise müssen dem Kapitalzu- und abfluss widerstehen können. Das braucht Zeit.

Die chinesische Zentralbank managt ihre Währung mit einem Währungskorb. Einige Ökonomen sagen, das sei ein Zukunftsmodell – auch für die Schweiz.
Das glaube ich auch. Um eine Währung mittels Währungskorb zu steuern, braucht aber gewisse Kapitalkontrollen. Sonst kann kein Land das bewerkstelligen – weder China noch die Schweiz. Wenn Kapital völlig frei in den Franken hinein und wieder abfliessen kann, überfordert das die Möglichkeiten der Schweizerischen Nationalbank. Deshalb muss man diese Flüsse zu einem bestimmten Grad einschränken.

Kapitalkontrollen gehören aber in den Giftschrank, heisst es oft.
In dieser Absolutheit stimmt das nicht. Zum Beispiel könnte man bei sechs Monaten eine Grenze ziehen. Langfristige Investments sollten erlaubt sein – was darunter liegt, kann man besteuern. Eine solche Regel kann man mit vertretbarem Aufwand durchaus umsetzen. Die Herausforderung liegt darin, dass man Umgehungsversuche entlarven muss, etwa den Trick mit falschen Importen. Dazu muss man die Daten von Banken einerseits und von Zollbehörden andererseits miteinander abgleichen. Behauptet eine Firma, sie wolle mit 10 Millionen Dollar irgendwelche Anlagen kaufen, dann muss sie innerhalb von 6 Monaten einfach eine Zollquittung zeigen – sonst wird die Transaktion besteuert.

Wird es jemals eine Art Bretton-Woods-2-Arrangement geben, das auf Kapitalkontrollen beruht?
Ich glaube schon. Aber es wird knifflig. Man muss sich gegen die Interessen der Investmentbanken durchsetzen. Diese werden alles tun, um ihr Business nicht zu verlieren.

David Daokui Li ist Professor am Center for China in the World Economy der School of Economics and Management an der Universität Tsinghua in Peking. Er absolvierte sein Studium in Harvard, später lehrte er in Stanford. Vor einigen Jahren war er als Berater für die chinesische Notenbank tätig. Die «Handelszeitung» hat Li am World Economic Forum in Davos getroffen.

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