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Free Lunch
Erst jetzt wird der globale Währungskrieg Realität

Banknoten: In der Schweiz und vier weiteren Ländern weltweit sind die Zinsen negativ. Keystone

Fünf Notenbanken weltweit hantieren heute mit negativen Zinsen. Und der illustre Club wird grösser, sind Experten überzeugt. Selbst in den USA ist das Thema auf einmal aktuell.

Kommentar  
Von Mathias Ohanian
am 22.03.2016

Von wegen vorübergehende Massnahme: Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die ursprünglich als temporär deklarierten Negativzinsen zum festen Werkzeug der grossen Notenbanken werden. In fünf Industrienationen (Schweiz, Schweden, Dänemark, Euro-Zone und seit Januar Japan) wollen Währungshüter so eine anhaltende oder drohende Deflation bekämpfen, ihre Währung schwächen und/oder die Kreditvergabe ankurbeln.

Immer wieder wurde der Begriff «Währungskrieg» in den vergangenen Jahren in den Mund genommen. Doch so recht passen wollte er nicht. Der immer wieder formulierte Vorwurf der Amerikaner gegen China geht ins Leere, weil sich Schwellenländer traditionell durch unterbewertete Währungen auszeichnen. Die Kritik an Mario Draghi und der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank greift ebenfalls zu kurz: Viele Jahre war der Euro nach Kaufkraftparitäten massiv überbewertet, bis zuletzt.

Nun aber nimmt der Währungswettlauf neue Dimensionen an. Die vereinfachte Erklärkette dahinter: Je niedriger der Zins, desto schwächer die Währung, desto besser die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen eines Landes.

Weitere Zinserhöhungen in den USA unwahrscheinlicher

Tatsächlich wurde über negative Zinsen rund um den Globus vielleicht noch nie so intensiv gesprochen und diskutiert wie in dieser Woche. Bislang galt gesetzt, dass die US-Notenbank Fed nach der Trendwende im Dezember die Zinsen in diesem Jahr schrittweise weiter anhebt. Das scheint mittlerweile fast Geschichte: Sie wolle das Thema Negativzinsen «nicht vom Tisch nehmen», sagte Janet Yellen am Mittwoch bei ihrer Anhörung im US-Senat. Man schaue sich das im Lichte der Erfahrungen in den europäischen Ländern an.

Und auf dem Alten Kontinent ist das Thema heiss: Am Donnerstag senkte die schwedische Reichsbank den Leitzins überraschend stark um 15 Punkte auf minus 0,5 Prozent. Wie schon die Nationalbank in der Schweiz (zur Erinnerung: minus 0,75 Prozent) stossen damit auch die Schweden in Regionen vor, die bislang weitgehend unbekannt sind. SNB-Chef Thomas Jordan bekräftigte in dieser Woche im Interview mit der «Bilanz», dass eine weitere Zinssenkung nicht ausgeschlossen sei. Die Negativzinsen seien aktuell «ein ganz wichtiges Instrument, um der Überbewertung des Frankens entgegenzutreten.»

Auch die SNB kann auf minus 5 Prozent runter, sagt Willem Buiter

Dabei waren sich viele Ökonomen bislang weitgehend einig: Viel tiefer als in Schweden und der Schweiz können die Notenbanken nicht gehen. Doch die Schar der Andersdenkenden wächst. Anderer Meinung ist etwa die Investmentbank JP Morgan, die in einer ebenfalls in dieser Woche publizierten Studie schreibt, die Europäische Zentralbank könne runter auf bis zu minus 4,5 Prozent. Citi-Chefökonom Willem Buiter sagte übrigens bereits kurz vor dem Frankenschock vor gut einem Jahr im Interview mit handelszeitung.ch, auch in der Schweiz seien minus 5 Prozent möglich.

Dass Schwedens Reichsbank nun so aggressiv vorgeht, deuten Beobachter als vorauseilenden Gehorsam: In Stockholm wollte man offenbar einer weiteren Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (die im März wahrscheinlich ist) vorbeugen, heisst es etwa bei den Ökonomen der Commerzbank. Die Intention ist klar: Die Zinsdifferenz zum Euro soll so gering wie möglich sein und ein Aufwerten der Krone verhindert werden.

Israel und Kanada könnten folgen

Apropos Zinsdifferenz. Mit diesem Problem kämpfen auf der anderen Seite des Ozeans seit Jahren schon die Kanadier. Das G7-Land ist fast unbeschadet durch die Finanzkrise 2008/09 gekommen und könnte ein höheres Zinsniveau gut vertragen. Die Sorgen vor einem sich überhitzenden Immobilienmarkt wachsen seit Jahren. Allein Kanada kann kaum reagieren: Hebt die Notenbank die Zinsen, wertet der kanadische Dollar massiv auf.

So kommt es, dass nun sogar dort eine Kehrtwende möglich scheint: Kanada sei eines von einer handvoll Ländern, in denen ein negativer Leitzins in den kommenden zwei Jahren möglich sei, heisst es in einer (Sie ahnen es: ebenfalls in dieser Woche veröffentlichten) Analyse der Citi-Ökonomen. Das Gleiche gelte für die Tschechische Republik und Norwegen. Wahrscheinlich ist es demnach, dass Israel noch in diesem Jahr dem Club der Negativzinsländer beitreten wird.

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