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Free Lunch
Gefährliche Unwucht: Briten und Deutsche aus der Balance

Gegenseitige Abhängigkeit: Premierministerin Theresa May und Bundeskanzlerin Angela Merkel.Keystone

Grossbritannien und Deutschland haben dasselbe Wirtschaftsproblem, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Eine Analyse zeigt die Risiken.

Kommentar  
Von Anastassios Frangulidis
am 23.01.2017

Wem geht es besser: den Briten oder den Deutschen? Die Antwort hängt von der Perspektive ab. Wer die Berichterstattung vieler Medien vor der Brexit-Abstimmung gelesen hat, erhielt den Eindruck, dass es den Bürgern dieses Landes recht schlecht geht. Viele Briten glauben, dass es der deutschen Bevölkerung viel besser geht als ihnen.

Doch die Fakten sehen anders aus. In Grossbritannien steigen die Einzelhandelsumsätze seit drei Jahren stark. Die Arbeitslosenrate ist tief, der Immobi­liensektor boomt. Nicht eine schwache, eine zu starke Binnennachfrage ist das eigentliche Problem der Briten. Denn diese muss mit Kapitalimporten aus dem Ausland finanziert werden, wie die folgende Grafik der Finanzierungssalden der britischen Volkswirtschaft zeigt.

Sollte die Kapitalzufuhr im Zuge des Brexit ins Stocken geraten, wird Grossbritannien eine harte Landung erleben, vergleichbar mit jener von 2008. Britische Haushalte und Unternehmen haben in der damaligen Rezession stark gespart und weniger konsumiert oder investiert. Der britische Staat hat korrekterweise seine Ausgaben erhöht und damit auch seine Finanzdefizite.

Nach 2011 hat sich dieses Bild aber massiv geändert: Die Haushalte leben wieder wie in den Euphoriejahren vor 2009 über ihren Verhältnissen. Sie müssen Ersparnisse ab- oder Schulden aufbauen, um ihre Kauflust zu befriedigen. Firmen haben ebenfalls ihre vorsichtige Haltung aufgegeben und investieren mehr, während der Staat weiter Defizite macht. Alle volkswirtschaftlichen Akteure weisen somit einen grösseren Kapitalbedarf auf, der aus dem Ausland gedeckt werden muss. Das Leistungsbilanzdefizit liegt bei über 5 Prozent des BIP.

In Deutschland sparen alle Sektoren

Zum Ausland zählt zum Beispiel Deutschland. Das Land ist ein bedeutender Partner der Briten, sowohl ­politisch als auch ökonomisch. Dazu ist Deutschland ein wichtiger Kapitallieferant für Grossbritannien. Das liegt am Sparverhalten der Deutschen.

Die Einnahmen der Haushalte übersteigen die Ausgaben traditionell weit. In den letzten zwanzig Jahren hat auch die Sparquote deutscher Unternehmen massiv zugenommen. Ganz neu kommt hinzu, dass der deutsche Staat in seiner Haushaltsbilanz dank tiefen Finanzierungskosten sogar Überschüsse erarbeitet, wie die folgende Grafik zu den Finanzierungssalden der deutschen Volkswirtschaft zeigt.

Diese starke Spartätigkeit hat die Schulden der Deutschen fallen lassen. Das Verhältnis der beanspruchten Kredite des nicht-Finanzsektors (also von Haushalten, Unternehmen und dem Staat) ist seit einigen Jahren rückläufig. Ganz anders in Grossbritannien, wo die Kreditaufnahme seit einigen Jahren wieder stark steigt.

Bildlich gesprochen gibt die deutsche Gesellschaft somit zu wenig aus. Sie investiert ungenügend in ihre Zukunft und baut ihr Wachstum darauf, dass das Ausland künftig Güter und Dienstleistungen made in Germany in genügendem Ausmass nachfragen wird. Was es vorerst auch tut: Die Handelsüberschüsse gegenüber Grossbritannien, den USA und sogar China sind enorm, sodass Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss von fast 9 Prozent des BIP aufweist.

Das geht solange gut, wie der Euro nicht deutlich aufwertet und die ausländische Nachfrage stark bleibt. Fällt letztere weg – was bei einem globalen Abschwung sicher so sein wird – werden die Kosten hoch. Die fehlende Nachfrage wäre kaum zu decken. Dazu kämen wohl Verluste beim im Ausland investierten Kapital. Deutschlands exportlastiges Wachstumsmodell wird übrigens zunehmend auch im Süden Europas imitiert. Italien und Spanien weisen seit der Euro-Krise ebenfalls eine schwache Binnennachfrage aus. Derweil steigt die Sparquote des Privatsektors stark.

Beide Länder sind im Ungleichgewicht

Wem geht es also besser, Grossbritannien oder Deutschland? Fakt ist: Beide Volkswirtschaften sind nicht im Gleichgewicht. Die Briten zählen darauf, dass das Ausland weiter Kapital einschiesst; die Deutschen und Europäer darauf, dass ihnen das Ausland weiter Produkte abkauft. Beides ist riskant. Mehr Ausgabefreudigkeit seitens der Deutschen und weniger seitens der Briten würde nicht schaden.

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