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Free Lunch
«IT Consumerization»: Wie Mitarbeiter ihre Aktionäre subventionieren

 

Das Private vermischt sich mit dem Geschäftlichen. Die Folge: Investoren müssen das Kapital für ihre Unternehmen nicht mehr selbst zur Verfügung stellen.

Kommentar  
Von Paul Donovan
am 19.09.2017

Die Veränderungen der heutigen Weltwirtschaft lassen sich wirklich als revolutionär bezeichnen. Viele Menschen sehen dem neuesten Smartphone-Modell oder anderen technologischen Fortschritten mit Spannung entgegen – Ökonomen tun dies nicht. Für Ökonomen besteht die Spannung darin zu erfahren, wie Technologie die Gesellschaft und die Wirtschaftsstruktur verändert.

Das Wachstum des E-Commerce ist beeindruckend. In den USA machte im Jahr 2000 der Umsatz in der Industrie, der über E-Commerce erzielt wurde, 20 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Heute sind es bereits über 60 Prozent des Gesamtumsatzes.

Das Paradox bei den Investitionszahlen

Hinter diesen Zahlen verbirgt sich etwas äusserst Seltsames. Die Unternehmen sind bei dem, was sie tun, immer mehr vom Internet oder anderen elektronischen Bestellsystemen abhängig. Gleichzeitig investieren US-Unternehmen immer weniger in Computer, und die Ausgaben für Software stagnieren ebenfalls – ein Rätsel, zumindest auf den ersten Blick.

Auch in Europa sind die E-Commerce-Transaktionen im Business-to-Business-Bereich gestiegen. In den meisten Ländern ist der E-Commerce heute dreimal so wichtig wie noch im Jahr 2000. In den Investitionen in Technologie und Software kommt dies allerdings nicht zum Ausdruck. Ein immer grösserer Anteil der Investitionsausgaben wird für nicht-technologische Investitionen verwendet.

Die Lösung des Rätsels liegt in der Art, wie die Investitionszahlen erhoben werden. Die ersten Konjunkturdaten wurden in den 1930er Jahren erhoben. Damals war ganz klar, was eine Investition und was Privatausgaben sind. Heute ist dies nicht mehr so klar, die Grenzen vermischen sich. Folglich erscheinen zunehmend Investitionen in Technologie nicht mehr in den volkswirtschaftlichen Zahlen.

Die Vermischung von Privat- und Geschäftsleben

«Bring Your Own Device» oder kurz «BYOD» ist im modernen Geschäftsleben ein akzeptiertes Konzept. Mitarbeitende nutzen ihre privaten Telefone, um geschäftliche E-Mails zu lesen. Tablets werden sowohl für die Arbeit als auch in der Freizeit genutzt. Diese Vorgehensweise ist mittlerweile so weit verbreitet, dass sie ihren eigenen Namen bekommen hat: «IT Consumerization».

Die Verbreitung dieser Idee zieht nach sich, dass sich Unternehmen je länger, je mehr darauf verlassen können, dass die Mitarbeitenden das Kapital, das für die Erledigung ihrer Arbeit erforderlich ist, selbst zur Verfügung stellen. Die Mitarbeitenden subventionieren die Aktionäre.

In den Wirtschaftsdaten kommt dies durch eine Verringerung der Technologieinvestitionen zum Ausdruck. Hingegen nimmt die Zeit, in der die Verbraucher ihre persönlichen Geräte nutzen, zu, weil damit auch Arbeitsaufgaben erledigt werden.. Einigen Umfragen zufolge verwenden bestimmte Mitarbeitende ihre persönlichen Geräte sogar überwiegend für Arbeitsaufgaben. Dies bedeutet, dass Investitionen als Verbraucherausgaben verschleiert werden. Die Gesamtausgaben werden sinken, weil die Menschen ihre Geräte effizienter nutzen.

Aber mit diesen Daten sind leider noch weitere Probleme verbunden. In den USA wirkt sich der Kauf eines Laptops durch einen Verbraucher auf das reale BIP anders aus als der Kauf eines identischen Laptops durch eine Firma für den gleichen Preis. Logischerweise würde man annehmen, dass kein Unterschied besteht, aber das ist nicht so. Dazu kommt, dass ein Mobilgerät anders als ein Computer behandelt wird. Wenn sich die Investitionen von den Unternehmen auf die Verbraucher oder von Laptops auf Mobilgeräte verlagern, wird das BIP beeinflusst, selbst wenn sich sonst nichts ändert.

Erst der Anfang der Veränderungen

Vor kurzem wurde an einem Anlass betont, dass Technologie unsere Arbeitsweise verändert. Bereits jetzt verwischt Technologie die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben. Der veraltete Ansatz, der die Grundlage unserer Wirtschaftsdaten bildet, führt dazu, dass unachtsame Volkswirte einen wichtigen Teil der Geschichte gar nicht mitkriegen.

Wenn sich Unternehmen darauf verlassen, dass Mitarbeitende einen Teil der Technologie stellen, die sie für ihre Arbeit benötigen, ist die Unterscheidung zwischen Investition und Privatausgaben nicht mehr so hilfreich. Ein blindes Vertrauen in diese Daten ist gefährlich. Man muss genau hinschauen: Denn die so genannte IT Consumerization ist nur ein Vorgeschmack auf die strukturellen Änderungen, die uns erwarten.

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