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Free Lunch
Protektionismus nützt bloss den Alteingesessenen

Abschottung führt zu Monopolen, Monopole behindern das Wachstum: Arbeiter in Indien.Keystone

Abschottung kommt wieder in Mode. Das ist fatal: Ein Plädoyer für den Freihandel, für Konkurrenz und für Wachstum.

Kommentar  
Von Marie Owens Thomsen
am 18.10.2016

In der Politik scheint das Pendel gegenwärtig wieder in Richtung mehr Protektionismus umzuschlagen. Dabei liegen die Vorteile des freien Handels auf der Hand.

So lag die Zollbelastung für chinesische Waren vor dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 im Schnitt bei 50 Prozent. 2010 betrug die Belastung gerade noch 10 Prozent. Das Wachstum des chinesischen BIP hingegen steigerte sich von 7,5 Prozent auf phasenweise fast 15 Prozent. Ein überzeugendes Argument für den Freihandel!

Das wichtigste Argument: die Konkurrenz

Die meisten Staaten sind heute noch immer zu protektionistisch unterwegs. Ein Nachteil: Werden Industriebereiche geschützt, stirbt darin bald auch die Konkurrenz. In Ausnahmefällen kann diese Entwicklung erwünscht sein, etwa wenn ein Land sich innerhalb einer bestimmten Frist ein bestimmten Know-how aneignen muss.

Leider kommen Regierungen aber nur allzu oft in Versuchung, dem Untergang geweihte statt zukunftsträchtige Industriebereiche zu schützen. So verlautete US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump im zweiten Fernsehduell, dass er Amerikas fossile Energiewirtschaft und die Stahlindustrie schützen wolle. Dabei wäre es wirtschaftlich sicher sinnvoller, aufstrebende Branchen zu fördern anstatt Artenschutz zu betreiben.

Die meisten Volkswirtschaften könnten deshalb eher mehr Konkurrenz statt zusätzliche Schutzmassnahmen vertragen. Doch wie soll der Übergang vom Protektionismus zu mehr Wettbewerb erfolgen? Die Antwort lautet: Durch Strukturreformen.

Die Letzten werden die ersten sein

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gibt entsprechende Empfehlungen heraus und misst auch deren Erfolg. So zeigte der im Februar 2016 dazu veröffentlichter Bericht, dass 2015 rund 50 Prozent der von der Organisation herausgegebenen Empfehlungen umgesetzt worden sind resp. sich in ihrer Umsetzungsphase befanden.

In den Industrieländern hat der Reformeifer im Vergleich zu seinem Höhepunkt 2011/12 jedoch bereits etwas nachgelassen. Auch in den Schwellenländern scheint er ebenfalls etwas geringer zu sein als während des Reformbooms 2013/14. Anders als man eigentlich erwarten würde, hinken die Nicht-Euro-Länder bei den Reformen den Ländern der Eurozone hinterher.

Zur angeblich völlig verkrusteten Eurozone nur so viel: In den Jahren 2011/12 hielten genau diese Länder den Rekord bei der Umsetzung von Reformen – die damalige Krise spielte hierbei sicher eine Rolle. So stand Griechenland 2011-14 an der Spitze der OECD-Reformstaaten. Trotzdem hat das Land noch einen weiten Weg vor sich. Portugal, Irland und Estland sind ebenfalls «Topreformer».

Am anderen Ende der Skala finden sich Länder mit aussergewöhnlich guter Governance, wie die skandinavischen Länder, die Schweiz, Deutschland und Luxemburg. «No country is perfect» – Optimierungsbedarf gibt es überall. So haben die USA zwischen 2011 und 2014 kaum mehr Reformeifer gezeigt als Frankreich.

Italien dagegen führte mehr Reformen durch als beide Länder zusammen. In China bringt anscheinend jeder Tag eine neue Reform hervor – in unserem Beobachtungszeitraum war das Land ebenso aktiv wie Italien und ... Brasilien. Überdurchschnittlich viele Reformen wurden in Mexiko und Neuseeland vorgenommen.

Die Zukunft gehört den Dienstleistern

An Vorschlägen für umsetzungswürdige Reformen fehlt es nicht. A priori scheint vor allem der Dienstleistungssektor prädestiniert für wirkungsvolle Reformen, generiert dieser Bereich in den OECD-Ländern doch fast 80 Prozent des BIP. Da ein Drittel der industriellen Wertschöpfung aus Zwischenerzeugnissen in Form von Dienstleistungen besteht, profitiert auch das verarbeitende Gewerbe (knapp 20 Prozent des BIP) sehr direkt.

Je einfacher zum Breispiel die Gründung eines Unternehmens ist, desto besser für den Wettbewerb in diesen beiden wichtigsten Sektoren. Dienstleistungen im Bereich von Energie, Telekommunikation und Verkehr, Vertrieb und Expertendienste sind für neue Anbieter zu öffnen, die Preisbindungen flexibler zu gestalten und das exklusive Niederlassungsrecht aufzuheben.

Taxi-, Notar- und Apothekerkartelle nützen nur sich selbst, ihren Kunden schaden sie nur. Auch in der Mobiltelefonie waren bis zu ihrer (Teil)liberalisierung Monopolpreise und missbräuchliche Tarife an der Tagesordnung. Diese «exzessiven» Profite sind für die Börsen ein Segen, Regierungen aber sollten Monopole grundsätzlich bekämpfen. Der Freihandel ist eine der stärksten Waffen in diesem Kampf.

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