Booms und Krisen auf dem Immobilienmarkt beeinflussen die Profitabilität und Stabilität von Banken stark. Wie krisenresistent die Banken im EU-Raum sind, hat die ­Europäische Bankenbehörde EBA im Juli in ­einem gross angelegten Stresstest gemessen. Das Szenario sieht einen plötzlichen Zinsschock in den USA vor, der sich unmittelbar auf die Renditeaufschläge auf Staatsanleihen, die Preise von Wohn- und Geschäftsimmobilien sowie auf die Aktienmärkte in ganz Europa auswirkt.

Die Banken werden von diesem Schock hart getroffen. EU-weit geht die Eigenkapitalquote im Mittel um 3,8 Prozentpunkte zurück, wobei zwischen einzelnen Ländern erhebliche Unterschiede existieren. Am schlimmsten trifft es das irische Bankensystem, das sich immer noch von der geplatzten Immobilienblase erholt. Am zweitstärksten setzt der Schock überraschenderweise den deutschen Banken zu, gefolgt von jenen in den Niederlanden, Finnland und ­Österreich. Am wenigsten leiden Banken in Norwegen, Polen, Schweden und Dänemark.

Ein Schock für die Schweiz

Und in der Schweiz? Aus dem Bericht der European Banking Authority geht hervor, dass ein hypothetisches Stressszenario in Europa auch verheerende Folgen für die hiesige Wirtschaft hätte. Die EBA rechnet damit, dass bei einem solchen Schock das reale BIP um 4 Prozent einbricht, die Preise um 4,1 Prozent zurückgehen und der Franken um 22,8 Prozent gegenüber dem Euro aufwertet.

Schätzungen der Auswirkungen auf die Renditen langfristiger Anleihen sowie auf die Preise von Wohn- und Geschäftsimmobilien in der Schweiz gibt es im EU-Stresstest zwar nicht. Da die makroökonomischen Effekte auf die hiesige Wirtschaft rund zwei Dritteln der Effekte im ­Euro-Raum entsprechen, könnte man aber ­davon ausgehen, dass dies auch auf die Finanzmarktauswirkungen zutrifft. In diesem Fall würden die Anleihenrenditen um rund 1 Prozentpunkt steigen. Die Aktienkurse würden 2016 und 2017 um rund 15 Prozent und 2018 um 10 Prozent tiefer sein als unter normalen Umständen. Wohn- und Geschäftsimmobilienpreise würden 2018 um rund 15 Prozent fallen.

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Ein so drastischer Schock wirft viele Fragen auf. Würden die höheren Hypothekarzinsen und tieferen Wohnimmobilienpreise zu vermehrten Zahlungsausfällen bei Hypotheken führen? Welche Folgen hätte die massive Aufwertung des Frankens auf die Portfolios der Banken? Wie würde das schwache Wachstum die Quoten notleidender Kredite beeinflussen? Welche Banken wären am stärksten betroffen? Man würde erwarten, dass es umfangreiche Informationen dazu gibt, wie hiesige Banken in einem solchen Stresstest abschneiden würden. Dem ist aber leider nicht so.

Zwar gibt es den ausgezeichneten Bericht der Schweizerischen Nationalbank zur Finanzstabilität. In diesem jüngst publizierten Papier werden vier Stresstests erörtert, die die SNB für Schweizer Banken durchgeführt hat. Die Tests werden relativ detailliert beschrieben. Doch es ist nicht ersichtlich, wie schwer die berücksichtigten Schocks genau sind. Das Szenario der EBA wird überhaupt nicht analysiert.

Dabei existiert durchaus Anlass zur Beun­ruhigung. Die Banken sind gemäss der SNB in den letzten Jahren widerstandsfähiger geworden. Doch ihr Bericht enthält viele Warnungen. Die Exposition von inlandorientierten Banken gegenüber dem Immobilienmarkt ist deutlich gestiegen – unter anderem wegen der immer häufigeren Vergabe neuer Hypothekarkredite mit ausgereizter Tragbarkeit, also mit hoher Kreditsumme im Vergleich zum Einkommen.

Die SNB warnt, dass das Risiko einer deut­lichen Preiskorrektur am Immobilienmarkt ­zunimmt und dass dieser mittlerweile sehr stark auf Zinsveränderungen reagiert. Zudem betont sie das Überraschungsmoment: Banken dürften kleinen Schocks widerstehen, grossen Schocks aber deutlich weniger. Dieser Befund klingt nicht ermutigend, ist aber wohl richtig.

Informationen sollen öffentlich sein

Die SNB-Analyse konzentriert sich natürlich auf das gesamte Bankensystem, ohne detaillierte Angaben zu einzelnen Banken zu machen. Was in der Schweiz fehlt, sind rigorose Stresstests, welche die Widerstandsfähigkeit auf Einzelinstitutsebene prüfen. Solche Tests sind ein wichtiges Instrument, um die Solidität des Bankensystems zu beurteilen. Robuste ­Szenarien und Transparenz in Bezug auf die ­Ergebnisse sind zentral, damit die Märkte ­diesen Tests Vertrauen schenken.


Da extrem tiefe Zinsen zu einer Immobilienblase und zu offensichtlichen Risiken für die ­Finanzstabilität führen können, braucht es bessere öffentliche Informationen zu den Risiken für den hiesigen Bankensektor, wie sie die EBA für die EU bereitgestellt hat. Schweizer Banken gleichen heute einer Blackbox. Deshalb benö­tigen wir künftig Stresstests auch mit eindeutigen Szenarien, deren Ergebnisse für die einzelnen Finanzinstitute vorgelegt werden.