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Schweizer Uhren ticken in China wieder langsamer

Die Boomzeit ist abgelaufen: Werbeplakat für Schweizer Uhren in Peking. Keystone

Die chinesische Ökonomie und die Schweizer Chronographie waren einst ein Traumpaar. Doch die heisse Liebe hat sich abgekühlt.

Kommentar  
Von Alexander Koch
am 29.04.2016

Mit massiven Stützungsmassnahmen haben Chinas Regierung und Notenbank den Absturz ihrer Wirtschaft verhindert. Zumindest kurzfristig ist damit keine weitere Konjunkturverlangsamung im Reich der Mitte angezeigt.

Eine gute Nachricht auch für die Schweizer Exporteure. Denn China (inklusive Hong Kong) ist nach Deutschland und den USA inzwischen zum drittwichtigsten Exportmarkt für die Schweizer Industrie aufgestiegen. Die Nachfrage aus Fernost hilft den seit der Aufhebung der Wechselkursuntergrenze angeschlagenen Unternehmen.

So hielten sich die Exporte nach China zuletzt – trotz starkem Franken, der die Produkte der Konkurrenz aus anderen Ländern günstiger macht. Über alle Weltregionen hinweg betrachtet schaute so für viele Branchen im vergangenen Jahr ein Exportplus heraus.

Uhren sind nicht mehr der Renner

In einer Erfolgsbranche der letzten Jahre geht es jedoch mittlerweile nicht mehr voran, nämlich in der Uhrenindustrie. Deren Ausfuhren nach China sind regelrecht eingebrochen. Im letzten Halbjahr lagen die Uhrenexporte um knapp ein Viertel unter dem Vorjahresniveau. Und dies, obwohl der Schweizer Franken gegenüber der chinesischen Währung Yuan insgesamt nicht aufgewertet hat.

Der Höhepunkt der Uhrenexporte nach China wurde bereits Anfang 2012 überschritten. Damals lag der Exportanteil nach China (inklusive Hong Kong) bei fast einem Drittel – auch ohne die Uhrenkäufe chinesischer Touristen. Bis Anfang 2016 sank der Anteil auf unter 20 Prozent.

Zudem ist die zuvor rasant gestiegene Zahl chinesischer Touristen spürbar zurückgegangen. Von November bis Februar gab es über 5 Prozent weniger Logiernächte chinesischer Gäste in der Schweiz. Im Jahr zuvor betrug die Wachstumsrate noch sehr hohe 32 Prozent.

Am Wechselkursschock sollte dies nicht liegen. Denn chinesische Touristen buchen in der Regel Pauschalreisen durch Europa mit einem Aufenthalt in der Schweiz, bei denen der starke Franken keine entscheidende Rolle spielt.

Vielmehr dürfte der Rückgang durch die seit Oktober letzten Jahres geltenden neuen Visa-Regeln wesentlich beeinflusst sein. Die seitdem notwendige, mühsamere Erfassung biometrischer Daten hat anscheinend zumindest vorübergehend viele potenzielle Besucher abgeschreckt. Dies belastet die Uhrennachfrage aus China zusätzlich.

Der Uhrenboom ist wohl vorbei

Eine Vereinfachung der Visa-Beschaffung ist geplant und sollte zukünftig wieder mehr Uhrenkäufer aus China nach Europa reisen lassen. Der China-Boom in der Uhrenindustrie ist aber wohl vorbei: Das Exportvolumen zeigt Sättigungserscheinungen.

Das verstärkte Vorgehen der chinesischen Regierung gegen Korruption schiebt das Tragen teurer Uhren ebenfalls nicht gerade an. Zudem hat auch die Konkurrenz ausländischer Smart-Watches den Gegenwind erhöht.

Entsprechend ist die Stimmung in der Schweizer Uhrenindustrie gedämpft. Die Produktionserwartungen für die kommenden Monate sind klar negativ und bleiben weit hinter dem Niveau für die gesamte Industrie zurück.

Die Uhrenindustrie, die in den letzten Jahren ein stabiler und gewichtiger Pfeiler des Exportsektors war, dürfte an Bedeutung verlieren. Dagegen wird der bereits riesige Vorsprung der Pharmabranche als wichtigster Exportbranche weiter zunehmen.

Die Schweizer Exportwirtschaft läuft damit zunehmend auf einem Zylinder.

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