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Free Lunch
Und wie viel haben Sie seit 2010 gespart?

Einkommensstarke Haushalte haben mehr von der negativen Teuerung profitiert. Keystone

Wenn sich die Preise für Bier, Turnschuhe oder Hotelzimmer verändern, trifft dies nicht alle Menschen gleich: Wie arme Haushalte heimlich 50 Franken pro Monat verloren haben.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 07.07.2016

«Das Leben ist unfair», sagte John F. Kennedy, «aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten.» Der einstige US-Präsident dachte bei diesem Satz nicht ans Einkaufen in Migros oder Coop, sondern an den Vietnamkrieg. Doch die Einsicht bewahrheitet sich auch im Wirtschaftsalltag: Meistens ist nicht a priori ersichtlich, wer von einer Entwicklung profitiert – und wer verliert.

Ein Beispiel dafür ist die Inflation. Die jährliche Steigerungsrate der Preise wird vom Bundesamt für Statistik stets als Universalzahl ausgewiesen, stellvertretend für die Gesamtheit aller Konsumenten in der Schweiz. Der letzte Wert beträgt -0,4 Prozent: Um so viel nahmen die Preise in der Schweiz zu (bzw. ab), wenn man die Kosten eines repräsentativen Warenkorbs im Mai 2016 mit den Kosten im Mai 2015 vergleicht.

Jeder Haushalt hat seine eigene Inflationsrate

Das Problem dabei ist: Nicht alle Haushalte haben denselben Warenkorb. Und entsprechend erfahren sie beim Einkaufen auch nicht dieselbe Inflation, wie etwa dieser kürzlich ausgestrahlte Beitrag aus der «Tagesschau» suggeriert. Schlüsselt man die Teuerungsraten über die letzten sechs Jahre nach Einkommensklassen auf, so zeigen sich Unterschiede. Ärmere Schichten waren über die Zeit mit einer höheren Inflation konfrontiert.

 Wobei es im Grunde nicht ganz richtig ist, von Inflation zu sprechen, weil in der Schweiz seit einiger Zeit Deflation herrscht, also negative Teuerungsraten. Die Feststellung gilt aber gleichwohl. Wie eine Auswertung der Zahlen zeigt, haben Personen mit einem geringen Einkommen verhältnismässig wenig von der Deflation, also von den sinkenden Preisen profitiert.

Für sie lag die jährliche Teuerung im Schnitt von Mai 2010 bis Mai 2016 bei -0,3 Prozent. Dagegen erfuhren die Gutbezahlten eine Inflation von fast -0,5 Prozent. Das bedeutet: Das Geld der oberen Einkommensklasse wurde über die letzten sechs Jahre im Total 2,8 Prozent wertvoller, jenes der niedrigsten Einkommensklasse bloss um 1,8 Prozent.

Gutverdiener haben mehr gespart

Wie kommt man auf diese Zahlen? Entscheidend aus Sicht der Haushalte ist erstens, dass sich die Preise nicht für alle Konsumgüter im Gleichschritt verändern. So sind etwa Kleider seit 2010 im jährlichen Schnitt um 2 Prozent Prozent billiger geworden. Gleichzeitig stiegen andere Bereiche wie die Wohnkosten mit einer Rate von 0,5 Prozent pro Jahr.

Gesundken sind die Preise ferner in den Bereichen Hausrat, Verkehr und Freizeit sowie Post- und Telekomdienstleistungen («Nachrichtenübermittlung»), während dem Restaurant- und Hotelbesuche teurer wurden. Hier eine Übersicht über die Preisentwicklung in den zwölf Hauptgruppen, in die der Warenkorb in der Schweizer Statistk aufgegliedert ist.

Der zweite, entscheidende Punkt bei den einkommensspezifischen Inflationsraten ist, dass die Haushalte unterschiedliche Güter konsumieren. Das Gewicht der zwölf Gütergruppen variiert je nach Schicht, wie eine Erhebung des BFS aus dem Jahr 2013 besagt, die als Basis für diese Untersuchung verwendet wurde (die Ausgaben sind dort beinahe nach demselben Prinzip gegliedert wie beim Konsumentenpreisindex).

Beispielsweise verwenden die Geringverdiener fast einen Drittel ihrer Konsumausgaben (29,3 Prozent) fürs Wohnen. Bei einkommensstarken Haushalten beträgt dieser Anteil nur knapp einen Viertel (21,3 Prozent). In den Nullerjahren war die damals hohe Wohnteuerung ein Faktor, der die Tieflöhner überdurchschnittlich stark betraf; zuletzt spielte dieser Faktor keine starke Rolle mehr.

Stärker ins Gewicht fielen die Bereiche, in denen die Preise seit 2010 stark sanken: Kleider, Hausrat, Verkehr und Freizeit. Diese nehmen in den Budgets der einkommensstarken Haushalten einen höheren Stellenwert ein als bei den Einkommensschwachen. Entsprechend profitierten die Gutverdiener mehr davon als die Geringverdiener. Wie sich dies in der Summe ausgewirkt hat, zeigt die folgende Grafik.

Insgesamt sparten die Haushalte mit einem Einkommen von 4880 Franken in den letzten sechs Jahren deflationsbedingt 86 Franken pro Monat ein. Haushalte mit einem Einkommen von 13171 Franken (also mit 2,7 Mal so viel Lohn) hatten währenddessen Minderausgaben von 368 Franken (sie sparten also 4,3 Mal so viel Geld).

Die Teuerung hat seit 2010 also zu Ungunsten der Schwachen gewirkt. In Franken ausdrücken lässt sich der Schaden, indem man die folgende Berechnung anstellt: Was wäre, wenn die Niedrigverdiener mit ihrem Warenkorb dieselben Preisveränderungsraten erfahren hätten wie die Topverdiener?

Das Ergebnis dieser Rechnung besagt, dass die unterste Lohnschicht heute gut 50 Franken mehr pro Monat im Portemonnaie hätte, wenn sie seit 2010 mit derselben Teuerung konfrontiert worden wäre wie die Topverdiener. Sie hätte nicht 75, sondern 125 Franken pro Monat einsparen können.

Ein abgestufter Sparbetrag ergibt sich für den Vergleich der Niedrigverdiener mit den Teuerungsraten der mittleren Einkommensklassen.

Der Weltuntergang sind 50 Franken nicht, aber immerhin: Es ist knapp 1 Prozent des verfügbaren Einkommens der niedrigsten Klasse. Um Prozentwerte in dieser Grössenordnung wird in den Lohnverhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern Jahr für Jahr heftig gestritten.

Und wie viel haben Sie gespart?

Und nun zu Ihrer persönlichen Inflationsrate bzw. Ihrem persönlichen Sparbetrag der letzten Jahre. Sie können diesen mit einem Excelsheet berechnen, das wir hier hochgeladen haben.

Was Sie dazu wissen müssen, ist, welche Beträge Sie pro Monat für verschiedene Lebensbereiche ausgeben. Geben Sie diese Beträge in die grün hinterlegten Felder ein. Die Datei generiert daraufhin automatisch zwei Grafiken: eine zu den eingesparten Beträgen seit 2010, aufgeschlüsselt nach Kategorie, und eine zur jährlichen Inflationsrate im Vergleich der Einkommensklassen.

Bei Fragen wenden Sie sich gerne an die Free-Lunch-Redaktion.

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