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Free Lunch
Verliert der Franken seinen Status als sicherer Hafen?

Zwischen den Fronten im Währungskrieg: Direktorium der SNB. Keystone

Der Schweizer Franken hat in dieser Woche massiv an Wert verloren. Geht der Status des sicheren Hafens verloren? Und was macht die Nationalbank?

Kommentar  
Von Mathias Ohanian
am 22.03.2016

Von einer globalen Rezession war die Rede, einem Absturz der chinesischen Wirtschaft. An den internationalen Börsen sorgte die Krisenangst zum Jahresstart für einen Ausverkauf: Über 10 Prozent verloren die wichtigsten Indizes in der Spitze. Der SMI erholt sich bis heute nur schlecht als recht von seinem Einbruch. 

Wie in der Vergangenheit bei Horrormeldungen üblich, schlug so manches Krisenbarometer ebenfalls aus: Der Goldpreis stieg seit Jahresbeginn immerhin um rund fünf Prozent auf 1120 Dollar. Auch der Yen, der trotz der gigantisch hohen japanischen Staatsschulden noch immer als Krisenwährung gilt, notierte in den vergangenen Wochen fester.

Franken schwach trotz Draghi-Ankündigung

Und der Franken, die Krisenwährung der vergangenen Jahren schlechthin? Sie lässt sich von der allgemeinen Marktstimmung nicht anstecken, im Gegenteil: Gestern fiel der Wechselkurs zum Euro gar auf den tiefsten Stand seit Aufhebung des Mindestkurses vor gut einem Jahr. Fast 1.11 Franken kostet die Gemeinschaftswährung inzwischen, heute büsste der Franken weiter an Wert ein.

Und dies, obwohl Mario Draghi erst vergangene Woche betonte, die Europäische Zentralbank (EZB) wolle am milliardenschweren Anleiheaufkaufprogramm unbeirrt festhalten – und im März sogar noch ausweiten. Das hatte die EZB übrigens erst vor wenigen Wochen um ein halbes Jahr verlängert. Der Franken wertete dennoch nicht auf.

Sichtguthaben deuten auf aktive Nationalbank

Das muss überraschen. Denn wenn die Vergangenheit eines gezeigt hat, dann dass Draghis Worte Gewicht haben – und grosse Effekte auf den Wert des Franken: Erst das Anleihekaufprogramm der EZB sorgte dafür, dass der Mindestkurs zum Euro unglaubwürdig wurde, sodass Thomas Jordan und seine Mannschaft ihn im Januar 2015 aufgaben.

Wie also lässt sich die aktuelle, deutliche Frankenabschwächung erklären? Gut möglich, dass die Nationalbank zuletzt kräftig interveniert hat: Darauf deuten die wöchentlich veröffentlichten Sichtguthaben hin (siehe Grafik). Diese legten im Januar so stark zu wie zuletzt im vergangenen Sommer. Der Chart des Franken-Euro-Kurses sieht ohnehin so aus, als habe jemand unterhalb der Marke von 1.08 mit dem Lineal einen Strich eingezogen.

Die plötzliche Abschwächung der vergangenen Tage können nach den Erfahrungen der vergangenen Monate aber auch mit etwaigen Interventionen der SNB kaum erklärt werden. Warum sollte die Nationalbank urplötzlich einen Zielkurs von 1.10 oder 1.11 verfolgen? Das ist unwahrscheinlich. Es sei erstaunlich, dass der Franken sich als einziger der klassischen sicheren Häfen in diesem Jahr von der globalen Risikostimmung abkoppeln konnte, heisst es in einer Kurzanalyse der Commerzbank. Und: «Ich kann Ihnen leider auch keine Erklärung liefern.»

Den Schweizer Exporteuren kann es egal sein, sie dürften sich über einen etwas schwächeren Franken freuen.

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