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Free Lunch
Warum die Schweiz trotz allem auf Freihandel setzen muss

Billig für Schweizer Konsumenten, weil im Ausland produziert: Jeans.Keystone

Für die Schweiz stellen sich nach der US-Wahl grundsätzliche Fragen: Sollen wir dem Abschottungskurs folgen?

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 16.11.2016

Einfach und überschaubar war die Welt im Jahr 1817, als der Brite David Ricardo seine Theorie über den Aussenhandel verfasste. Portugal produziert Wein, England fabriziert Tuch, man tauscht die Güter – und alle sind besser dran. Das Exempel leitete die Welt über Generationen hinweg beim Aufbau ­einer freien Handelsordnung an.

Ricardos Theorie bleibt im Kern gültig. Doch die Welt ist komplexer geworden. Komplexer, als es die Proponenten des Freihandels seit Ronald Reagan und Bill Clinton zugeben wollten – aber auch komplexer, als es die Kritiker von Marine Le Pen bis zum frisch gewählten US-Präsidenten Donald Trump wahrhaben möchten.

Vier Aspekte machen die Gestaltung einer Handelsordnung, von der alle profitieren, im Jahr 2016 zu einer vertrackten Sache.

  • Industrieländer handeln nicht nur untereinander, sondern auch mit Schwellenländern. Arme Länder haben Arbeitskräfte im Überfluss, dafür mangelt es an Kapital. In reichen Ländern ist es umgekehrt. Die Folgen hat der China-Schock in den Nullerjahren gezeigt. Fliessbandarbeit wurde aus den USA nach Asien ausgelagert. Das half Arbeitern in China. In den USA profitierten die Besitzer von Kapital sowie die Hochqualifizierten. Ihre Löhne sind gewachsen, sogar seit der Finanzkrise. Derweil herrschte bei einfachen Arbeitern Lohnstagnation. 2 bis 2,4 Millionen Jobs gingen in den USA verloren.
  • Die globale Verflechtung bringt immer grössere Firmen hervor. Bayer und Monsanto, ChemChina und Syngenta, AB Inbev und SAB Miller. Die Multis wachsen nicht nur organisch, sondern fusionieren zu riesigen Konglomeraten. So entsteht ein Ungleichgewicht: Die globalen Firmen vermögen die vorwiegend nationalen Gesetzgeber entweder gegeneinander auszuspielen oder sie auf höchster Ebene, in Washington oder in Brüssel, mit Lobbying zu unterwandern.
  • Die Spezialisierung fördert Migration. Apple arbeitet mit Hunderten verschiedenen Zulieferer: 349 von ihnen aus China, 139 aus Japan, 60 aus den USA. Cluster bilden sich. In Taiwan siedeln sich Chiphersteller an, im Silicon Valley kommen die Programmierer zusammen. Die Cluster fördern effiziente Arbeit und Fortschritt. Doch sie sind auf den Zustrom der klügsten ­Köpfe aus aller Welt angewiesen. Moderner ­Freihandel funktioniert nicht ohne Migration.
  • Das geografische Gefüge verändert sich. Sei es in Frankreich, in den USA oder in der Schweiz: Die Wertschöpfung konzentriert sich in Städten. Dort leben und arbeiten die Brainworker. Das lokale Gewerbe sammelt sich in der Agglomeration und auf dem Land. Nicht selten unterstützen dynamische Zentren die peripheren Gebiete über einen Finanzausgleich: Louisiana erhält für jeden Dollar, den es nach Washington schickt, drei Dollar zurück. Doch die Almosen bringen nicht dieselbe Würde wie gut bezahlte Jobs. Ressentiments nehmen zu.

Zwei fundamental unterschiedliche Antworten

Diese vier Punkte machen klar: Die Globalisierung ist volkswirtschaftlich für die Welt insgesamt ein Plus. Daran hat sich seit Ricardo nichts geändert. Trotzdem steht die Frage im Raum, ob es sich lohnt, die Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, um marginal an Wohlstand zu gewinnen. Man kann darauf zwei Antworten geben.

Die erste Antwort lautet: Nein, es lohnt sich nicht, die Globalisierung weiter voranzutreiben. Wer sich auf diesen Standpunkt stellt, ist gegen weitere Freihandelsabkommen, gegen grenzüberschreitende Investitionen und für starke Restriktionen bei der Migration. Wer so denkt, nimmt bewusst eine Verlangsamung in Kauf – des Handels wie auch des Wirtschaftswachstums. Der Entscheid dafür leitet sich letztlich aus einer Werthaltung ab. Aus der Ansicht, dass ­materieller Fortschritt überbewertet ist und manche Güter einen höheren Wert besitzen, als es ihr Marktpreis glauben macht: Zeit, Gemeinschaftlichkeit, intakte Umwelt.

Die zweite Antwort lautet: Ja, es lohnt sich, auf die Globalisierung zu setzen – wenn man sich die Mühe macht, den Wandel nachhaltig zu gestalten. Das bedeutet, konstruktiv mit den vier Problemfeldern umzugehen. Also erstens, den von Jobverlagerung bedrohten Berufsleuten mit Bildungsprogrammen unter die Arme zu greifen. Zweitens, bissige Kartellbehörden zu schaffen, um die Multis im Zaum zu halten. Drittens, die Migration liberal zu gestalten, ohne dabei auf Leitplanken beim Lohndumping oder zur Förderung inländischer Arbeitnehmer zu verzichten. Viertens, raumplanerisch dafür zu sorgen, dass sich nicht alle Entwicklung und Innovation in den Städten abspielt. Letztlich geht es bei dieser Anschauung darum, sich als Land das Beste zu holen, was die Globalisierung zu bieten hat: Technologie, Opportunitäten, Wohlstand. Das gilt für die USA wie auch für die Schweiz. Unerlässlich sind gute Bildungsinstitutionen, ein effizienter, leistungsfähiger Sozialstaat und internationale Zusammenarbeit – etwa in Umwelt- und Sozialfragen, die als integraler Bestandteil von Handelsverträgen aufgefasst werden.

Die widersprüchliche Position des Donald Trump

Der künftige US-Präsident Donald Trump ­befürwortet aber die erste Antwort. Er glaubt, seinem Land zu dienen, indem er Zölle erhebt und die Einwanderung begrenzt. Das ist legitim, wenn man in Kauf nehmen will, dass materieller Wohlstand nicht alles ist. Denn der Austritt aus Freihandelsabkommen wie Nafta (mit Mexiko und Kanada) wäre für amerikanische Konsumenten mit hohen Kosten verbunden: Importierte Produkte würden teurer, Wertschöpfungsketten wie jene der Autoindustrie würden ­zerrüttet, US-Firmen könnten auf dem interna­tionalen Markt weniger Einnahmen erzielen.

Trumps Programm ist in diesem Punkt aber nicht konsequent. Seine Politik ist widersprüchlich, weil sie immateriellen Wohlstand nicht wert-, sondern geringschätzt: Trump ist gegen Umweltschutz und hält den Klimawandel für Humbug. Ausserdem läuft Protektionismus ökonomisch auf ein Nullwachstum hinaus. Würde er es wirklich ernst damit meinen, müsste er auch den Haushalt ins Lot bringen. Nullwachstum und Schuldenwirtschaft vertragen sich nämlich nicht. Trump aber setzt auf Defizite. Er will mehr Schulden als je zuvor aufhäufen. ­Damit hat der Trumpismus einen grossen Haken. Jene, die ihn befürworten – vor allem ältere Amerikaner – haben in der Vergangenheit von der Schuldenwirtschaft profitiert. Doch sie werden in Zukunft nicht dafür geradestehen müssen. Dies wird den Jungen überlassen. Die junge Generation befürwortet aber die Globalisierung. Trump beraubt die Jugend ihrer Chancen.

Die Entscheidung für oder gegen die Globalisierung ist pfadabhängig. Ländern, die sich einmal zum Rückzug entscheiden, wird es später schwerfallen, wieder gewinnbringend an der Weltwirtschaft anzudocken. Wer Humankapital und Spitzenfirmen verliert, fängt wieder ganz unten an. Wer dagegen Freihandel und Migra­tion von Anfang an als Chance auffasst – so, wie es die Schweiz traditionell tut –, hat grössere Chancen, im Sweet Spot der Globalisierung zu bleiben – und die neuen, komplexen Herausforderungen zu meistern. Der Wohlstand der Schweiz entspriesst ihrer Offenheit. Eine Politik à la Trump ist für sie keine Option.

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