«Ausländer kehren der Schweiz den Rücken», titelte der «Blick» vor einigen Tagen. Die Zeitung hatte erfahren, dass die Zuwanderung im ersten Jahresquartal 2016 deutlich abgenommen hat. Im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr kamen netto ein Drittel weniger Personen in die Schweiz. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) bestätigte die Zahlen kurz danach.

35 Prozent weniger Zuwanderer: Ist das ein statistischer Ausreisser oder der Beginn einer neuen Ära? Erübrigt sich nun die Masseneinwanderungsinitiative (MEI), die das Volk am 9. Februar 2014 mit 50,3 Prozent der Stimmen angenommen hatte?

Der neue Exodus der Arbeitskräfte

Ein erster Rückblick auf die letzten zwei Jahre legt nahe: Man sollte Vorsicht walten lassen beim Ausrufen von Trends, was die Migrationsbewegungen anbelangt. Die Zahlen schwanken stark.

Insgesamt wurde fünf Mal eine monatliche Nettozuwanderung von 8000 Personen und mehr registriert, zuletzt im September 2015. Daneben wurden aber auch wiederholt Werte unter 4000 Personen gezählt. Möglich also, dass die letzten drei Monate bloss eine temporäre Flaute bei der Zuwanderung in die Schweiz widerspiegeln.

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Bei genauem Hinsehen zeigt sich über den Gesamtzeitraum dennoch eine leichte Abwärtsbewegung. Das zeigt vor allem die Trendlinie bei den ausgewanderten Personen (in grün). Verliessen Anfang 2014 jeweils gut 11 000 Personen die Schweiz, waren es Ende März 2016 jeweils gut 13 000 Personen pro Monat. Der Zusammenhang bleibt auch dann bestehen, wenn man das jüngste Quartal aus der Rechnung ausklammert.

In die untenstehende Monatsgrafik wurde übrigens die Zunahme der ständigen Wohnbevölkerung (Personen mit einer Ausenthaltsbewilligung von 12 oder mehr Monaten), wie auch jene der nicht-ständigen Wohnbevölkerung (unter 12 Monate) mit einbezogen.

Was an der obigen Grafik besonders auffällt (etwa an der Saldo-Linie in rot): Die Nettozuwanderung war immer dann besonders schwach, wenn auch der Arbeitsmarkt ins Stottern geriet. Dies war etwa im Frühjahr 2015 nach dem Frankenschock der Fall, wie auch in den Wintermonaten des Jahres 2016, als in der hiesigen Industrie eine zweite Welle von Entlassungen lief.

Die Spitzen der Zuwanderung sind vorbei

Lässt sich der jüngste Rückgang bei der Zuwanderung also doch extrapolieren? Lässt man das letzte Jahrzehnt insgesamt Revue passieren, so erhärtet sich die Hypothese.

Speziell seit 2010 stehen die Migrationszahlen in einem deutlichen Zusammenhang mit der Konjunktur: Je besser es in der Schweiz und je schlechter es in Europa lief, desto mehr Menschen kamen in die Schweiz. Umgekehrt begann die Zuwanderung dann zu sinken, als die Konjunktur in Europa wieder Fahrt aufnahm und die dortigen Arbeitslosenzahlen im Vergleich zur Schweiz wieder sanken.

Die folgende Grafik vergleicht die Nettomigration (in blau, diesmal nur jene der ständigen Wohnbevölkerung) mit der Differenz zwischen der Arbeitslosenquote in der EU-28 und jener in der Schweiz (in rot).

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Die Entwicklung lässt sich rückblickend in drei Phasen unterteilen:

  • Zwischen 2007 und 2009 schoss die Zuwanderung ein erstes Mal in die Höhe, obwohl die Arbeitslosenquote in der EU noch verhältnismässig niedrig war. Der Anstieg liegt daran, dass ab Mitte 2007 die Personenfreizügigkeit eingeführt wurde. Ab diesem Moment wurde die «Rationierung» auf dem Schweizer Arbeitsmarkt aufgehoben, was einen Schwall von Umwandlungen aufgestauter Bewilligungen auslöste (eine Zusammenfassung dazu findet sich in dieser Studie der KOF).
  • Von 2009 bis 2013 war die Eurokrise ein Treiber der Immigration. Bis 2013 stieg die Arbeitslosenquote in Europa auf fast 11 Prozent an, während sie in der Schweiz zwischen niedrigen 4 und 5 Prozent blieb (gemessen an der ILO-Definition). Parallel dazu stieg auch die Nettoimmigration von gut 60 000 auf über 80 000 Personen an. In diesem Zeitraum war die Personenfreizügigkeit mit Ausnahme einer Phase in den Jahren 2013 und 2014, in der die so genannte Ventilklausel zum Einsatz kam, unbeschränkt gültig.
  • Ab 2014 ging die Zuwanderung wieder zurück. 2015 lag sie bei 71 000 Personen und damit auf einem ähnlichen Niveau wie in den Jahren 2009, 2011 und 2012. Ob die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative selbst zu dieser Entwicklung beitrug, ist unklar – gesetzlich änderte sich nichts. Allerdings schaffte Europa in dieser Zeit den Turnaround: Innert zwei Jahren sank die Arbeitslosigkeit um 1,5 Prozent. Gleichzeitig versetzte der Fall der Untergrenze zum Euro ab 2015 vielen Firmen in der Schweiz einen Bremser.

Klar wird demnach: Konjunktur und Migration stehen in einem sichtbaren, wenn auch nicht völlig exakten Zusammenhang.

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Glaubt man den Prognosen, wie sie etwa die Europäische Kommission und die Konjunkturforschungsstelle der ETH aufgestellt haben, so dürfte der Migrationsdruck in die Schweiz somit weiter abnehmen. Denn die Differenz zwischen der Arbeitslosenquoten in Europa und der Schweiz soll sich in den kommenden zwei Jahren markant zurückbilden, bis auf den einstigen Unterschied aus dem Jahr 2006.

Es würde nicht überraschen, wenn parallel dazu auch die Nettozuwanderung in die Schweiz abnimmt – und sich zum Beispiel in der Region von 60 000 Personen einpendelt. Ob die politische Schweiz mit dieser Zahl leben kann, sei hier dahingestellt. Jedenfalls hätten all jene Warner Unrecht behalten, die im Vorfeld der MEI eine «Explosion» der Zuwanderung jenseits der Marke von 100 000 Personen prophezeit hatten.

Die verwendeten Daten des SEM stelle ich auf Anfrage übrigens gerne in Excelform zur Verfügung.