1. Home
  2. Blogs
  3. Free Lunch
  4. Was taugt die Alternative zum Vollgeld?

Free Lunch
Was taugt die Alternative zum Vollgeld?

Als Willhelm Tell und Helvetia verkleidete Helfer sammeln Unterschriften fürs Vollgeld.
Als Willhelm Tell und Helvetia verkleidete Helfer sammeln Unterschriften fürs Vollgeld. Keystone

Jeder Bürger soll Zugang zu einem Konto bei der SNB erhalten, sagen Professoren. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Vollgeld-Alternative.

Simon Schmid
Kommentar  
Von Simon Schmid
2016-08-18

Wenn wir heute von Bargeld sprechen, beziehen wir uns auf physische Gegenstände: Runde Metallscheiben mit eingeprägten Insignien, buntes Sicherheitspapier mit einer aufgedruckten Unterschrift des Nationalbankdirektors. Aber nicht auf Bits und Bytes, Klicks und Swipes.

Warum eigentlich nicht? Statt in Münzen und Banknoten liesse sich Bargeld genauso gut in elektronischer Form herausgeben, meinen Wissenschaftler wie Dirk Niepelt von der Uni Bern oder Aleksander Berentsen von der Uni Basel. Sie haben jüngst das elektronische Notenbankgeld als digitale Alternative zum konventionellen Bargeld propagiert (hier zum Artikel).

Konkret schlagen sie vor, dass jeder Bürger künftig Zugang zu einem Konto bei der Nationalbank erhält. Jedermann hätte so die Möglichkeit, sein Vermögen nicht nur einer gewöhnlichen Geschäftsbank zu übergeben, sondern es direkt bei der Nationalbank zu hinterlegen. Auf die SNB-Konten zugreifen liesse sich auf dieselbe Weise wie wir es schon heute kennen: Über Plastickarten, E-Banking-Programme oder Mobile-Payment-Apps.

Was taugt diese Idee, die anlässlich der Debatte um die vor kurzem eingereichte Vollgeld-Initiative lanciert wurde und auch von Instituten wie der CFA Society Switzerland an Veranstaltungen diskutiert wird? Hier sind die wichtigsten Punkte – anhand von sechs Fragen.

Braucht es elektronisches Bargeld?

Zunächst noch einmal zur Finanzmechanik des Vorschlags.

Elektronisches Bargeld hat buchhalterisch dieselben Eigenschaften wie physisches Bargeld: Es wird bei der Privatperson, die es besitzt, als Guthaben und in der Bilanz der Notenbank als Verpflichtung verbucht. Anders ist es bei den heutigen Bankguthaben: Sie figurieren als Verpflichtung nicht bei der Notenbank, sondern in der Bilanz der Geschäftsbank, die das Geld für die Privatperson aufbewahrt.

Wenn das elektronische Geld nicht auf der Bilanz einer UBS, Glarner Kantonalbank oder Valiant ruht, sondern auf der Bilanz der Schweizerischen Nationalbank, so bedeutet dies, dass dieses Geld nicht den Liquiditäts- und Solvenzrisiken von Geschäftsbanken unterliegt. Denn die SNB kann im Unterschied zu einer Geschäftsbank, die in einen Refinanzierungsengpass geraten kann, stets Franken «drucken» – zumindest technisch gesehen: die einzige Limite, die in der realen Welt eine Notenbank von der Produktion weiterer Geldeinheiten abhalten kann, ist die Inflation, also die Entwertung des Geldes.

Zum Liquiditäts- beziehungsweise Solvenzrisiko von Geschäftsbanken äussert sich Aleksander Berentsen klar: «Es gibt ein Bedürfnis nach Sicherheit, das im aktuellen System nicht befriedigt werden kann.»

Andere Finanzexperten sind da skeptischer. «Solange der Bürger freien Zugang zu physischem Bargeld hat, sehe ich keine Notwendigkeit für Privatkonten direkt bei der SNB», sagt Manuel Ammann, Bankenprofessor der Uni St. Gallen. «Anders wäre es, wenn Bargeld abgeschafft oder stark eingeschränkt würde

Kein Politiker spricht heute ernsthaft von einer Abschaffung des Bargelds. Aufgekommen ist die Diskussion trotzdem: In Europa wurde etwa die Abschaffung des 500-Euro-Scheins beschlossen. Wirtschaftprofessor Berentsen sagt denn auch, dass die Idee von den SNB-Konten für alle Bürger vor diesem Hintergrund entstanden ist: Sollte das physische Bargeld abgeschafft werden, gäbe es mit dem elektronischen Bargeld wenigstens eine Alternative. «Es wäre aber auch grundsätzlich eine gute Idee», sagt Berentsen.

Gibt es eine Nachfrage nach sicherem Geld?

Einen Anhaltspunkt dafür bietet das Geschäft der Postfinance – ein Institut in Staatsbesitz, das von Gesetzes wegen kaum Kreditrisiken eingehen kann und bis vor kurzem eine unbeschränkte Staatsagarantie genoss.

In der Krisenzeit nach dem Jahr 2007 haben sich die Kundeneinlagen bei der Postfinance ausgehend von 43 Milliarden Franken stark erhöht – auf inzwischen 115 Milliarden Franken im Jahr 2015. Dies entspricht einem Wachstum von 167 Prozent: Ein Wert, der das Gesamtwachstum der Einlagen inländischer Kunden bei den Banken im selben Zeitraum deutlich übertrifft. Dieses lag laut SNB-Zahlen bei 43 Prozent.

Interessanterweise stagniert der Neugeldzufluss bei der Postfinance seit dem Jahr 2013. Ab dem Zeitpunkt, an dem die Staatsgarantie wegfiel, vermochte die Postfinance kaum Neugelder mehr anzuziehen. Man kann dies als Hinweis werten dass in der Bevölkerung tatsächlich ein Interesse an «hundert Prozent sicherem» Geld existiert.

Ernst Baltensperger, emeritierter Wirtschaftsprofessor an der Universität Bern, macht allerdings darauf aufmerksam, dass Banken bereits jetzt solche SNB-Konten anbieten könnten. «Jede Bank könnte schon jetzt jederzeit zu 100 Prozent mit Notenbankgeld gedeckte Sichtkonten anbieten, auch ausserhalb und getrennt von ihrer normalen Bilanz», sagt er. «Nichts hindert sie daran.» Dass es solche Angebote nicht gäbe, lasse aber daran zweifeln, dass wirklich ein grosses Bedürfnis vorliege.

Laut dem Bankenprofessor Manuel Ammann sind ein Kontoguthaben direkt bei der SNB und eines bei einer Kantonalbank ist «zwar geldtheoretisch nicht dasselbe. In der Praxis ist diese Differenzierung aber unbedeutend, wenn davon ausgegangen wird, dass die Staatsgarantien der Kantone halten.» Das Bedürfnis nach «sicherem» Buchgeld könne also in der Praxis bereits heute über das Kantonalbankensystem befriedigt werden.

Wie hoch wären die Kosten?

Sicherheit hat ihren Preis. Dies wäre bei den SNB-Konten nicht anders. Die Kosten für diese Infrastruktur könnten nämlich nicht – wie bei gewöhnlichen Zahlungsverkehrskonten – über die sonstige Aktivität der Banken querfinanziert werden. Deshalb müssten Nutzer eines SNB-Kontos wohl eine höhere Kontoführungsgebühr bezahlen als auf einem normalen Konto.

Der tiefere Grund dafür ist, dass Banken ihre Kundengelder im heutigen System bis zu einem gewissen Grad als billiges Mittel zur Finanzierung von Krediten verwenden können. Dabei entsteht eine Zinsdifferenz, von der sowohl die Bank, als auch deren Kunden profitieren: Die Intermediärsfunktion der Bank subventioniert den Zahlungsverkehr. In einem System mit hundertprozentiger Reservehaltung wäre diese Art von Intermediation nicht mehr möglich.

Wie hoch wären die Kosten? Ökonom Berentsen geht davon aus, dass das Prinzip «SNB-Konten für alle» auf zwei existierenden Systemen aufbauen würde: Einerseits auf dem Girokontensystem, das die SNB bereits für den Interbanken-Zahlungsverkehr bereitstellt, andererseits über die bestehenden Geschäftsbanken selbst. Sie würden weiterhin die Schnittstelle zum Kunden bilden, «als Infrastrukturprovider im Auftrag der SNB». Die Kosten dieser Auftragsdienstleistung wären laut Berentsen Verhandlungssache.

Wirtschaftswissenschaftler Ernst Baltensperger warnt indes davor, den Aufwand zu unterschätzen. «Die Kosten des Zahlungsverkehrs werden gerne als Kleinigkeit abgetan, übrigens auch von den Vollgeld-Initianten.» Der Zahlungsverkehr, und das Bankgeschäft überhaupt, seien stark ressourcenintensive Aktivitäten mit beträchtlichen Kosten. Überdies sei die Gefahr gross, «dass politischer Druck die SNB und die Banken nötigen würde, solche Konten ‹günstig› anzubieten, und dass deshalb der Zahlungsverkehr bald einmal von Regulierung und Bürokratie überwuchert würde.» Der Wettbewerb, der für diesen Bereich essentiell sei, bliebe wohl auf der Strecke.

Banken wie die Postfinance, die zu den billigsten Anbietern gehört, bieten heute Zahlungsverkehrskonten ab 60 Franken pro Jahr an, ab einem Vermögen von 7500 Franken ist die Dienstleistung gratis. Zu dieser gehören auch E-Banking und Debitkarte. Wie hoch müsste die Gebühr sein, wenn die Postfinance das Kundengeld, das sie unter bestimmten Auflagen aktuell in Wertpapiere investieren kann, komplett nutzlos auf den Konten lassen müsste?

Ein Näherungswert lässt sich über die Erfolgsrechnung der Postfinance schätzen. Die Bank erzielte letztes Jahr mit dem Zinsgeschäft Einnahmen von rund einer Milliarde Franken. Das entspricht knapp 1 Prozent der Kundenvermögen. Fielen diese Einnahmen komplett weg (was nicht ganz realistisch ist), müssten entsprechende Kosten auf die Bankkunden überwälzt werden. Bei einem Kontostand von 40 000 Franken entspricht dies 400 Franken, bei einem Kontostand von 10 000 Franken wären es 100 Franken.

Würden auch negative Zinsen verrechnet?

Eine beträchtliche Komplikation sind die Negativzinsen, welche die SNB im Rahmen ihrer Währungspolitik derzeit den Banken auf deren Girokonten belastet: 0,75 Prozent pro Jahr, wobei ein Freibetrag im Umfang der zwanzigfachen Mindestreserven gewährt wird.

Bei einer Öffnung des SNB-Girokontosystems für die Allgemeinheit müssten wohl oder übel auch gewöhnliche Retailkunden, die ein solches Konto nutzen, Negativzinsen bezahlen. Aus Angst, diese Kunden zu verlieren, sind Geschäftsbanken bisher vor einem solchen Schritt zurückgeschreckt. Einzig die Alternative Bank berechnet ihren Kunden ab Vermögen von 100 000 Franken einen Negativzins von 0,75 Prozent.

Laut Wirtschaftsprofessor Aleksander Berentsen könnte die Nationalbank gegenüber Retailkunden eine ähnliche Regel mit einem Freibetrag finden. «Zum Beispiel könnten die ersten 100 000 Franken frei von Negativzinsen sein.» Leitzinsen unter Null seien aber historisch eine Ausnahme, sagt Berentsen. «Im Grunde genommen müsste man positive Zinsen auf Geld bezahlen.»

Die «SNB-Konten für alle» hätten laut dem Ökonomen noch einen weiteren Vorteil. Mit ihnen hätte die SNB ein neues geldpolitisches Instrument zur Hand. Und zwar ein sehr effizientes Instrument: Der Zins auf den Girokonten der SNB wäre automatisch der niedrigste Zins im gesamten Frankenraum und damit eine Art Leitzins. «Das heutige geldpolitische System ist historisch gewachsen», sagt Berentsen. «Es ist im Grunde genommen rechtumständlich».

Normalerweise steuert die Nationalbank den Leitzins – den 3-Monats-Libor, ein Richtwert für unbesicherte Interbankenkredite –, indem sie am Geldmarkt interveniert. Bei einer Umstellung würde diese Steuerung also hinfällig. Die SNB könnte direkten Einfluss auf die Geldhaltung von Privatpersonen nehmen – womit auch die Idee von einem «risikolosen Zinssatz» in der Wirtschaft eine neue Bedeutung erhielte.

Was passiert mit der SNB-Bilanz?

Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 ist die Bilanz der Schweizerischen Nationalbank von rund 100 auf fast 700 Milliarden Franken angewachsen, was über 100 Prozent des Bruttoinlandprodukts entspricht. Würde die SNB ihre von Girokonten gegenüber der Allgemeinheit öffnen, würde dieser Anteil weiter steigen.

Um welchen Betrag? Eine Richtgrösse hierfür sind die gesamten Kundeneinlagen von Inländern bei Schweizer Banken. Sie liegen gemäss SNB-Statistik aktuell bei 1135 Milliarden Franken. Welcher Anteil davon vom aktuellen Lohn- oder Sparkonto auf das mit SNB-Reserven hinterlegte Sicherheitskonto fliessen würde, ist unklar. Die Umschichtungen wären von der jeweiligen Attraktivität zu einem bestimmten Zeitpunkt abhängig.

«Die zusätzliche Möglichkeit von Einlagekonten für Private bei der SNB würde das private Bankensystem konkurrenzieren», kommentiert Bankenprofessor Manuel Ammann.

Eine grössere Bilanz bedeutet, dass es in der Erfolgsrechnung der SNB auch in absoluten Zahlen zu grösseren Schwankungen kommen würde. Wie Aleksander Berentsen sagt, sind diese Schwankungen nicht per se ein Problem. «Doch es gäbe politischen Aufklärungsbedarf.» Man müsste sich darüber einigen, dass mögliche Buchverluste der SNB nicht realen Verlusten entsprechen – und die Nationalbank im Extremfall auch mit negativen Eigenkapital operieren und auch Zahlungen an die Kantone vornehmen könnte.

Eine offene Frage bleibt in diesem Zusammenhang, welcher Personenkreis überhaupt Zugang zu einem SNB-Konto erhalten würde. Sollen Personen auf der ganzen Welt direkt ihr Vermögen, das sie gegenwärtig in US-Dollar oder in Apple-Aktien halten, der Nationalbank verkaufen dürfen und im Gegenzug dafür elektronisches Notenbankgeld in Schweizer Franken erhalten?

«Man müsste hier schrittweise Erfahrungen sammeln», sagt Aleksander Berentsen. «Primär kämen wohl im Inland ansässige Personen infrage. Theoretisch könnte man aber auch Ausländer zulassen.»

Wären Banken sicherer?

Sicheres Geld – heisst das zwangsläufig auch sichere Banken? Eines der zentralen Anliegen der Vollgeld-Initiative ist, das Ausmass der «Finanzspekulation» zu begrenzen und damit auch das «Too big to fail»-Problem zu lösen. Die Frage, ob die Initiative selbst dafür taugt, würde den Rahmen dieses (ohnehin schon langen) Beitrags aber sprengen.

Wahrscheinlich ist aber, dass das «Vollgeld light» im Sinne eines SNB-Kontos für alle die Finanzstabilität nicht wirklich erhöhen würde. Öffnet die Nationalbank ihre Girokonten für die Allgemeinheit, so könnte die Krisenanfälligkeit des Bankensystems sogar noch zunehmen. Ein Gerücht über den schlechten Geschäftsgang einer Bank würde genügen, um massenweise Geldtransfers vom Bankkonto zum SNB-Konto auszulösen.

Wäre eine Bank von einem solchen Bankrun betroffen, so müsste sie sich rasch Reserven beschaffen – also Notenbankgeld. Der Vorgang ist finanziell identisch mit einem Ansturm auf einen Bankschalter, an dem Kunden ihr Vermögen in bar abheben wollen. Die SNB müsste diese Liquidität kurzfristig (allerdings gegen eine Gebühr) zur Verfügung stellen, um einen ungerechtfertigten Konkurs einer ansonsten soliden Bank zu verhindern.

Dies ist im Vergleich zur heutigen Situation grundsätzlich nichts Neues. Allerdings wäre die Hürde für Retailkunden in praktischer Hinsicht viel niedriger, eine solche Lawine auszulösen. Ein paar Klicks würden genügen, um das Guthaben von der Geschäftsbank auf die Nationalbank zu transferieren.

Ob diese Gefahr ex ante eine disziplnierende Wirkung auf das Geschäftsmodell von Banken hat, ist schwierig abzuschätzen. Wirtschaftsprofessor Berentsen hofft, dass unter den Banken mit der Zeit ein gewisser Lernprozess einsetzen würde und diese sicherer wirtschaften würden.

Anzeige