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Free Lunch
Wem läuft es besser: Europa oder den USA?

Duell der Titanen: Golfer am Ryder Cup.Keystone

Erstmals in diesem Jahrzehnt wächst die Eurozone schneller als die USA. Bleibt es dabei?

Kommentar  
Von Marie Owens Thomsen
am 15.02.2017

Im vierten Quartal 2016 ist das BIP in der Eurozone um 0,4 Prozent gewachsen. Übers ganze Jahr 2016 resultierte ein Wachstum von 1,7 Prozent. Wir alle wünschten uns für Europa – und gerade für Europa – ein stärkeres Wachstum. Kommt es dazu?

Das potenzielle Wirtschaftswachstum für die Eurozone wird auf etwa 0,7 Prozent pro Jahr veranschlagt. Gemeint ist damit das Wachstum, das die Länder der Gemeinschaftswährung unter normalen Umständen aufgrund der ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen erzielen können. Seit 2013 liegt das von der Eurozone effektiv erzielte Wachstum über dem Potenzialwachstum und bewegt sich ausserdem im gleichen Rhythmus wie das der USA.

Dort ist das BIP im vierten Quartal 2016 um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen. Die Eurozone und die USA wuchsen damit in den Jahren 2015 und 2016 wirtschaftlich etwa gleich rasch. Allerdings liegt das potenzielle Wirtschaftswachstum der USA aktuell bei 1,6 Prozent und damit etwa doppelte so hoch wie in der Eurozone.

USA sind im zyklischen Abschwung

Dies spricht für die USA, da Länder langfristig dazu tendieren, auch ohne Reformen oder andere konjunkturrelevante Faktoren ihr Wachstumspotenzial auszuschöpfen. Zudem hat Europa, anders als die USA, mit der sogenannten Eurokrise einen zweiten wirtschaftlichen Abschwung durchlitten – ein weiterer klarer Vorteil für die USA.

Daher liegt das effektive BIP-Wachstum der USA seit 2011 über dem ihres Potenzials, von einem negativen Quartal einmal abgesehen. Übers Ganze gesehen hält die Outperformance sogar schon seit 2009 an und die Amerikaner sind damit den Europäern bezüglich der Wirtschaftszyklen um etwa vier Jahre voraus. Auch ist es ihnen gelungen, während dieser Zeit die Zahl der Arbeitslosen deutlich zu verringern.

Wird sich dieses Wachstum fortsetzen oder kommt es vielleicht zu einer Trendwende? Die Erwartungen auf zukünftiges Wachstum in den USA basieren zum grossen Teil auf den in Aussicht gestellten Steueranreizprogrammen von Präsident Trump. Noch ist das Ausmass solcher Massnahmen nicht bekannt, aber eines steht schon jetzt fest: Sie werden zu einem Zeitpunkt erfolgen, zu dem in den USA bereits Vollbeschäftigung herrscht und das Wirtschaftswachstum bereits seit fast sieben Jahren über dem Potenzial liegt.

Unter solchen Umständen könnten die Steueranreize deshalb eher die Inflation als das Wirtschaftswachstum ankurbeln und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die US-Wirtschaft über zu wenig freie Ressourcen für die Umsetzung solcher Konjunkturmassnahmen verfügt. Zudem haben wir es möglicherweise mit einem protektionistisch eingefärbten Programm zu tun, welches das Wachstum hemmen dürfte – in den USA stärker als in Europa.

In einem solchen Szenario gibt es keinen stichhaltigen Grund, weshalb sich die Differenz zwischen dem Wirtschaftswachstum in den USA und demjenigen in Europa ausweiten sollte.

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