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Free Lunch
Wer vom ökonomischen Nationalismus profitiert

Will in den USA den ökonomischen Nationalismus durchsetzen: Regierungsstratege Steve Bannon.Keystone

Die Welt wird multipolar, die Politik richtet sich an der Binnenwirtschaft aus: Was dieser Trend für verschiedene Branchen bedeutet.

Kommentar  
Von Nannette Hechler-Fayd'herbe
am 19.06.2017

Angesichts wachsender Ungleichheiten und der Frustration darüber, wie gesellschaftliche Herausforderungen von der Politik bewältigt werden, fordert die desillusionierte Mittelschicht Veränderungen. Regierungen in den westlichen Ländern werden auf die Forderungen eingehen müssen.

Die Veränderungen lassen sich als Wandel zum „ökonomischen Nationalismus“ beschreiben. Die Welt wird multipolarer, die Wirtschaftspolitik richtet sich weniger am globalen Wachstum und stärker an den Interessen einzelner Staaten aus. Dies manifestiert sich etwa in «Buy Local»-Initiativen, bei denen einheimische Produzenten gezielt bevorteilt werden. Generell geraten die Binnenwirtschaft und das Schaffen von Arbeitsplätzen im Inland stärker in den Fokus der Politik.

Eine Reihe von Branchen profitiert vom Trend

Eine multipolare Welt muss jedoch nicht notwendigerweise mit weniger Wachstum einhergehen, wie zuweilen gesagt wird. Sie kann aber durchaus sektorielle Verschiebungen mit sich bringen.

Zu den Profiteuren gehören etwa das verarbeitende Gewerbe, das Bauwesen, die Telekomausrüster und die IT-Fertigung, Automobil- und Flugzeughersteller, der Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffsektor sowie Detail- und Grosshändler. Ausserdem gilt der Gesundheitssektor in Europa als Jobmotor.

Zu den Gewinnern zählen auch Marken, speziell wenn sie einen hohen Bekanntheitsgrad und Wiedererkennungswert haben, sich durch eine globale Reichweite auszeichnen und von politischer Lobbyarbeit profitieren. Entsprechende Marken verfügen über einen loyalen Kundenstamm, der ihnen selbst bei höheren Preisen infolge protektionistischer Massnahmen treu bleibt.

Weiter sind Sicherheits- und Rüstungsunternehmen im Vorteil, da sie am meisten von staatlichen Aufträgen und Geldern profitieren. Neben der Schaffung von Arbeitsplätzen im Inland gibt es noch einen elementareren Grund für erhöhte Sicherheits- und Verteidigungsausgaben: die Verschiebung der geopolitischen Machtverhältnisse und erhöhte inländische Unsicherheit. Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die USA die vorherrschende militärische Supermacht, während die europäischen NATO-Mitgliedsstaaten eine umfassende Entmilitarisierung durchliefen.

Die Verteidigungsausgaben Letzterer belaufen sich heute auf lediglich 1,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts im Vergleich zu 3,6 Prozent in den USA, 2,1 Prozent in China und 4,5 Prozent in Russland. Sowohl in der Rüstung wie in der zivilen Sicherheit ist eine stärkere Technologienutzung zu erwarten. Sprengstoffdetektion, Schutz der Infrastruktur und Überwachung öffentlicher Plätze gehören zu den Bereichen, in denen IT-Hardware, Drohnen, Roboter und künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen.

Deutlich leistungsfähigere Halbleiter und die Verbreitung des Internet der Dinge bieten neue Wege, Gesellschaften vor immer neuen Sicherheitsbedrohungen zu schützen. Laut dem Forschungs-und Beratungsunternehmen MarketsandMarkets dürfte der Informationssicherheitsmarkt von derzeit 70 dereinst 170 Milliarden Dollar im Jahr 2020 anwachsen.

Schwellenländer sind resistenter geworden

Da die Schwellenländer in den letzten Jahrzehnten zu den grossen Gewinnern der Hyperglobalisierung gehört haben, wird oftmals davon ausgegangen, dass sie vom Schwenk zum ökonomischen Nationalismus in Mitleidenschaft gezogen würden. Doch die aufstrebenden Länder sind weniger stark vom internationalen Handel abhängig als allgemein angenommen. Während die Exporte von Ländern wie Südkorea und Argentinien (ähnlich wie in der Schweiz) zwar über 50 Prozent des BIP ausmachen, liegt dieser Wert in den meisten Schwellenländern gerade einmal bei einem Drittel des BIP oder darunter.

Zudem befinden sich viele Schwellenländer mittlerweile am Übergang zu einer konsum- und dienstleistungsorientierteren Wirtschaft. Konsumenten treiben das Wachstum an, insbesondere mit Ausgaben für Ferien, Modeartikel oder Körperpflege planen. Wegen des teuren Dollars leisten sie sich vermehrt inländische Marken. Nationale Champions im Konsumgütersektor sind vermutlich die Profiteure von diesem Trend. Mit dem steigenden Wohlstand und dem demografischen Wandel steigen auch die Ansprüche an eine gesunde Lebensweise, was etwa Firmen im Gesundheitssektor nützt.

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