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Wirtschaftsstatistiker: Dringend gesucht!

Ökonomen brauchen zuverlässige Statistiken: Bücher im Archiv des Bundesamt für Statistik.Keystone

Wir werden überflutet mit Informationen – und haben doch zu wenig Daten: die Analyse eines volkswirtschaftlichen Missstands.

Kommentar  
Von Marie Owens Thomsen
am 25.04.2017

Wir werden überflutet mit Informationen und doch finden wir die für uns wirklich wichtigen Daten kaum oder nur mit grosser Mühe. Und wieso spricht man so viel und häufig über die USA? Nicht, weil es das interessanteste Land ist, sondern weil die USA über die besten Statistiken verfügen.

Ohne Daten keine Analysen. Zum Glück gleicht auch hierzulande der private Sektor den Mangel an staatlich erhobenen Wirtschaftsdaten oder Statistiken aus, und dies mit viel Engagement. Nehmen wir zum Beispiel den PMI, ein Index, der die Stimmung von Einkaufsmanagern in Unternehmen misst und von einer privaten Organisation erhoben wird.

Solche Indikatoren sind äusserst beliebt und bewegen inzwischen sogar die Finanzmärkte. Sie zeigen aber auch auf, dass die statistischen Ämter vieler Länder entweder nicht marktgerecht arbeiten oder dies gar nicht beabsichtigten.

Der Staat ist mit der Statistik überfordert

Der Grund, warum sich öffentliche statistische Ämter kaum mit der Entwicklung neuer Statistiken beschäftigen können liegt meist darin, dass sie mit der Beschaffung, Erfassung und Berechnung von bereits bestehenden Statistiken bereits schon genügend gefordert sind.

Nehmen wir als Beispiel das Bruttoinlandprodukt (BIP). Eine Herkulesaufgabe, nur leider widerspiegelt dieser wichtige Indikator in seiner gegenwärtigen Form das Wirtschaftswachstum nur ungenügend, insbesondere da er dem spezifischen Charakter einer modernen Dienstleistungsökonomie zu wenig Rechnung trägt.

Eine im November 2016 veröffentlichte Umfrage des «Marketplace Edison Research Poll» zur Glaubwürdigkeit von offiziellen Daten lässt in diesem Zusammenhang ebenfalls aufhorchen. Darin gaben 40 Prozent der befragten Amerikaner an, den von offiziellen Stellen publizierten Daten nicht zu trauen - bei Trump-Anhängern waren es sogar 70 Prozent.

Vielleicht liegt das zugrundeliegende Problem aber auch weniger in der Herkunft der Daten – privat oder öffentlich –, sondern vielmehr darin, dass für ein ganzes Land aggregierte Daten sich nicht mehr mit den Empfindungen einzelner Bevölkerungsgruppen oder Branchen decken, die Betroffenen also das tagtäglich Erlebte in den Statistiken nicht wiedererkennen. Eine solche Entfremdung ist vor dem Hintergrund zunehmender populistischer Strömungen ernst zu nehmen.

Es braucht neue Wirtschaftsindikatoren

Gefragt sind deshalb neue und zusätzliche Makro- und Mikroindikatoren, die unsere moderne facettenreiche Wirtschaft besser abbilden. Gefragt sind weiter auch moderne Kategorien und Klassifizierungen sowie die Nutzung moderner Technologien, um diese Daten zu sammeln und verarbeiten zu können.

Selbstverständlich sollte dies kein Privileg der öffentlichen Hand sein. Auch der Privatsektor sollte hier einen wichtigen Beitrag leisten können. Jedoch gilt es vorzusorgen, dass die neuen «alternative Fakten» gegenüber offiziellen Statistiken nicht ausgespielt werden können.

Und auch hierzu findet sich eine interessante Statistik aus den USA. So schätzt das «Bureau of Labor Statistics (BLS)» der Vereinigten Staaten, dass sich der Bedarf an Statistikern in den USA zwischen 2014 und 2024 um 34 Prozent erhöhen dürfte. Im Vergleich dazu dürfte der Bedarf an neuen Arbeitskräften während der gleichen Periode nur gerade um 7 Prozent ansteigen.

Auf der Basis von 30'000 Statistikfachleuten, die 2014 in den USA beschäftigt waren, würden damit 2024 rund 40'000 Personen in diesem Bereich arbeiten. Davon werden aufgrund der Schätzungen rund 30 Prozent in der freien Wirtschaft, der Wissenschaft oder in technischen Bereichen arbeiten.

Die Bundesregierung und die Währungsbehörden dürften im Jahre 2014 rund 5’400 Statistikerinnen und Statistiker beschäftigen - kaum mehr als 14 Prozent aller Statistikfachleute. Diese mikroökonomische Entwicklung wird also makroökonomisch grosse Auswirkungen haben und ist mit ein wichtiges Argument für die Anwerbung von Statistikfachleuten, insbesondere im Privatsektor.

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