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Freie Sicht
Alte an die Arbeit!

Das Problem ist die fixe und zu frühe Pensionierung: Seminar in Winterthur. Keystone

Wie können wir die Alten dazu bringen, über das Pensionierungsalter hinaus zu arbeiten? Ganz einfach.

Kommentar  
Von Reiner Eichenberger
am 06.06.2016

Unser Parlament will die Altersvorsorge reformieren. Es glaubt, die Überalterung sei ein grosses Problem, das riesige Kosten ­verursache und dem nur mit höheren Beitragssätzen für die Jungen beizukommen sei. Doch die Überalterungsangst ist fehl am Platz. Überalterung ist sogar ein Grund zur Freude. Menschen werden nicht älter, weil sie immer kranker werden, sondern weil sie länger gesund bleiben. Höhere Lebenserwartung heisst vor allem mehr gesunde Lebensjahre mit Produktionspotenzial.

Das Problem ist einzig die fixe und zu frühe Pensionierung. Durch sie werden immer mehr Menschen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen und damit auch der Alterungsprozess vorangetrieben. Je näher die Pensionierung eines Mitarbeiters rückt, desto weniger investieren er selbst, seine Vorgesetzten sowie seine Arbeitskollegen in seine arbeitsspezi­fischen Fähigkeiten und desto weniger wird seine körperliche Gesundheit geschont. Folglich werden Arbeitnehmer vor dem ordentlichen Pensionierungs­alter aufgrund allseitiger Unterinvesti­tionen automatisch unproduktiver und erscheinen oft ausgebrannt – ganz unabhängig von der Höhe des Pensionsalters. Diese institutionell bedingte Alterung hat hohe gesellschaftliche Kosten. Deshalb gilt es, das faktische Pensionsalter zu erhöhen und zu individualisieren.

Viele fürchten, dann nähmen die ­Alten den Jungen die Arbeitsplätze weg. Doch das stimmt nicht. Sobald das ­zusätzliche Arbeitsangebot der Alten auf die Löhne drückt, sinken auch die Lohnkosten der Unternehmungen, was die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz stärkt, Investitionen anzieht und neue Arbeitsplätze schafft. Zudem wachsen Konsumnachfrage und Steuerzahlungen der Alten, was die Konjunktur ­anregt und es erlaubt, die Steuern für alle anderen zu senken, was wiederum die Wirtschaft stärkt.

Schon heute könnten die Alten über das normale Pensionsalter hinaus arbeiten. Doch Altersarbeit ist wegen verschie­dener institutioneller und betrieblicher Regelungen unattraktiv. Zudem ist ­Weiterarbeiten heute kein freier ­individueller Entscheid, eben weil die Arbeitgeber und Arbeitskollegen ihre Unterstützung vor dem normalen ­Pen­sionsalter reduzieren.

Wie aber können wir die Alten dazu bringen, über das Pensionierungsalter hinaus zu arbeiten? Ganz einfach: Der Staat muss die Altersarbeit attraktiver machen. Dazu muss er sie aber nicht ­aktiv fördern, sondern nur weniger ­behindern. Er soll nur die Einkommenssteuern auf Arbeitseinkommen von über 65-Jährigen halbieren oder dritteln. So würde Altersarbeit schnell ganz normal. Dadurch nähmen die Investitionen der Unternehmungen, der Alten selbst und ihrer Kollegen in die Fähigkeiten der Alten zu, wodurch Altersarbeit noch produktiver und häufiger würde. So erhielte der Staat zusätzliche Steuereinnahmen. Zugleich würde sich mit der Steigerung des tatsächlichen Pensionsalters das heutige Kernproblem der Überalterung – dass mehr Rentner von weniger ­Arbeitstätigen mitunterhalten werden müssen – ganz von selbst erledigen.

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