1. Home
  2. Blogs
  3. Freie Sicht
  4. Der neue Bürgerkrieg

Freie Sicht
Der neue Bürgerkrieg

Imported Image
 

Die USA stecken tief in einem internen Kampf. Auch andere Länder sind mit sich selbst beschäftigt. Die nächste Krise ist bloss eine Frage der Zeit.

Simon Schmid
Kommentar  
Von Simon Schmid
2017-08-21

Banken schreiben wieder Gewinne und Börsen brechen wieder Rekorde. Das Finanzsystem ist dank verschärfter Regulierung sicher und die Risiken sind unter Kontrolle: So lautet der Tenor zum Jubiläum der Finanzkrise, deren Ausbruch gemeinhin auf den 9. August 2007 datiert wird. Ein gefährliches Urteil. Denn die wahren Risiken schlummern heute nicht im Finanziellen, sondern im Sozialen. Nirgends zeigt sich dies deutlicher als im Land, in dem die Krise einst ihren Ursprung nahm: in den USA.

Die Vereinigten Staaten stecken tief in einem internen Kampf. Städter, Junge und Gebildete stehen Ländlern, Älteren und Niedrigqualifizierten gegenüber. Die Ressentiments nähren sich aus ökonomischer Perspektivlosigkeit und gipfeln in offenem Rassismus. Ein Tiefpunkt wurde am Wochenende in Charlottesville erreicht. Dort marschierten mit Maschinengewehren bewaffnete Nazis auf, ein Autofahrer raste in eine Menschenmenge. Donald Trump verurteilt den Extremismus nur halbherzig. Doch der Präsident und seine Äusserungen sind vielmehr ein Symptom als eine Ursache des Konflikts. Treiber der Gewalt ist die Unfähigkeit der US-Gesellschaft, ihre Probleme zu lösen. Massive Schwierigkeiten existieren im Bildungs und Gesundheitsbereich. Es gibt eine Drogen-, eine Gefängnis- und eine Verkehrskrise. Derweil reibt sich die Politik in parteilichen Grabenkämpfen und medialem Geplänkel auf.

Vergleich mit den 1860er-Jahren

Forscher vergleichen die Ausgangslage bereits mit jener in den 1860er Jahren. In einer Umfrage des «New Yorker» schätzten sie die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren ein Bürgerkrieg ausbricht, auf bis zu 60 Prozent. Man mag dies für übertrieben halten, zumal soziale Unruhen in den USA immer wieder aufflackern. Klar ist aber: Amerika bleibt auf absehbare Zeit zu stark mit sich selbst beschäftigt, als dass es global eine konstruktive Rolle spielen könnte. Themen wie der Klimawandel und das Finanzwesen drohen erneut in ein Regulierungsloch zu fallen.

Ob andere Länder in die Bresche springen, ist fraglich. China scheint im Aufstieg begriffen. Doch auch die bald grösste Volkswirtschaft der Welt ist gespalten. Xi Jinping weitet die Zensur stetig aus. Kürzlich wurden sogar Bilder von Pu dem Bären gesperrt, weil sie als Präsidentenbeleidigung aufgefasst werden könnten. Die Repression hat viele Gründe - einer davon ist die Wohlstandsschere zwischen urbanen Bildungsbürgern und der ruralen Arbeiterschicht. Interne Spannungen haben zuletzt auch Europa gelähmt. Noch ist die Griechenlandkrise ungelöst, die künftigen politischen Strukturen von EU und Euro-Zone bleiben höchst umstritten.

Soziale Konflikte und politische Ohnmacht sind eine verheerende Kombination. So ist die nächste Krise bloss eine Frage der Zeit. An welchem Ort und in welcher Form sie ausbrechen wird, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Sicher ist aber, dass diese Krise dereinst auch die Finanzwelt betreffen wird.

Anzeige