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Freie Sicht
Der Stolz der Basis

Gibt sich gerne Volksnah: Nigel Farage, Chef der UKIP in Grossbritannien. Keystone

Kritiker der EU werden von der Elite oft als Wut- oder sogar Hassbürger betitelt. Zu Unrecht.

Kommentar  
Von Urs Paul Engeler
am 06.07.2016

Kurz vor dem Brexit-Referendum: Einer, der früher Journalist war, dann zu einem besser bezahlten Beamten wurde zur Streuung behördlicher Parolen, bediente die alten Kollegen mit einer Massen­­mail: Die dumme englische Presse hetze gegen die kluge EU-Spitze; genau so präge auch der «Dreck der Zürcher Blocherei» die Artikel von Schweizer Medien-«Leut(ch)en». Diese seien, verglichen mit dem Gros­sen und Ganzen der EU, allesamt «Zwerge» und damit ohne jede Relevanz. Wer wirklich «aufgeklärt» sei und «urban», erkenne Brüssels Wert.

Das Muster ist in die Jahre gekommen. Wer Entscheide der Nomenklatura kritisiere, sei beschränkt, ein Würstchen  oder ein Psychopath, für den die obrigkeitsgläubige Publizistik zwei diffamierende Begriffe geprägt hat: «Wutbürger» («Der Spiegel») und «Hassbürger» («Berliner Zeitung»). Nach dem Brexit machte Angela Merkel diese Denkweise offiziell, als sie ein Nachhilfe- und Hirnwäscheprogramm ansagte, um begriffsstutzigen Bürgern die Vorzüge der EU einzubläuen und Millionen geistig Gestörter zu therapieren.

Wer so von oben spricht und handelt, ist Mitglied der «Elite». Wie ein Mensch in diesen Zirkel aufsteigt und wer in der niederen Kaste der Dumpfen sein Leben fristen muss, ist nicht einfach zu ergründen. Reichtum und wirtschaftliche Leistung können die Kriterien nicht sein, sonst wäre zum Beispiel eine Magdalena Martullo auch Teil der «Elite», ist sie aber nicht. Herausragende Intelligenz kann die Aufnahmebedingung auch nicht sein, sonst müssten viele «Elitäre» die Gruppe verlassen. Auch jahrzehntelange harte Arbeit  als verantwortungsvoller KMU-Patron reicht nicht für die höhere Weihe. Dafür erhalten diese alle eingebetteten Historiker, wenn sie die Schweizer Geschichte nach den Wünschen der Politik, die sie bezahlen, neu klittern.

Die «Elite» ist ein Kreis, der sich  nach eigenen Regeln selbst schliesst. Bedingungen, die zu erfüllen sind, heissen Anpassung, Chorsingen, Nachplappern. So wurde der in dieser Rubrik publizierende Wirtschaftswissenschafter Reiner Eichenberger, der den Wert der bilateralen Verträge relativiert, kürzlich mit der Bemerkung diskreditiert, er gehöre «nicht zu den führenden Ökonomen». Das Geplänkel, das folgte, offenbarte: Als «führend» und somit als Teil der «Elite» gilt nur, wer die Bilateralen als unverzichtbar preist.

Wie reagiert der stolze Bürger auf diese personell und argumentativ geschlossene Riege, die ihn verachtet? In der Schweiz kann er direktdemokratisch seine eigenen Interessen artikulieren. Darf er in autoritärer konstruierten Gebilden bei seltener Gelegenheit seine Ansichten einbringen, dann entladen sich aufgestaute Konflikte. Das ist nicht blinde Wut, sondern authentische Politik von unten, Befehl der Basis.

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