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Freie Sicht
Die negative Botschaft

Thomas Jordan führte Negativzinsen ein, um den Franken zu schwächen. Keystone

Was die Existenz von Negativzinsen wirklich über unsere Wirtschaftspolitik aussagt.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 18.08.2016

Negativzinsen. Eine Politik mit diesem Namen kann ja nur schlecht sein, haben viele Menschen schon lange gedacht und ­bestätigen nun auch Wirtschaftsblätter wie das «Wall Street Journal». Nicht der erhoffte Konsum werde gefördert, wenn eine Notenbank zu Negativzinsen greift, sondern im Gegenteil: Noch mehr Leute wollen sparen – obwohl bereits jetzt zu viel Geld nutzlos herumliegt.

Eindeutige Studien zu dieser Vermutung liegen nicht vor. Doch es mag gut sein, dass sie stimmt. Menschen sorgen sich um ihre Zukunft. Sie reagieren, wenn sie ihre Pensionskassenausweise Ende Jahr vergleichen – und zum Schluss kommen, dass ihr Sparplan fürs Alter nicht mehr aufgeht. Weniger klar ist aber, was passieren würde, wenn die Europäische Zentralbank, die Federal Reserve und auch die Schweizerische Nationalbank plötzlich ihre Politik überdenken und ihre Leitzinsen erhöhen würden. Würde ein Feuer von Optimismus, ein Konsumboom entfacht? Wohl kaum.

Ein plötzlicher Kurswechsel durch die Geldpolitik würde an den niedrigen Renditen auf Dauer nicht viel ändern. Denn die Kausalität läuft zum grössten Teil umgekehrt: Nicht von den Notenbanken zu den Renditen, sondern von den Renditen zu den Notenbanken. Es sind die allgemeinen Erwartungen an eine schwache Wirtschaftsentwicklung, die den Notenbanken ihre Tiefzins- bis Negativzinspolitik aufdrängen. Für das langfristige Wachstum können Draghi, Yellen, Jordan und Co. mit ihrer Politik aber kaum etwas tun. Darüber entscheiden andere Leute an anderer Stelle.

Zum Beispiel die Bürger, wenn sie an der Urne über das Rentenalter abstimmen. Würden sie dieses künftig um ein paar Jahre hochsetzen – und so zur Sicherung der Staatsfinanzen beitragen –, so würden auch die Renten wieder als sicherer empfunden. Arbeitstätige Leute hätten weniger Angst, im Alter nicht über die Runden zu kommen. Sie würden wieder mehr konsumieren. Was vorteilhaft fürs Wachstum wäre und – wenn viele Staaten so handeln – vielleicht zu höheren Renditen am Finanzmarkt führen würde. Vielleicht? Nun, plausibel wäre es.

Viele Faktoren beeinflussen das Wachstum auf die lange Sicht: Bildung, Chancengleichheit, Demografie, Rechtsstaat, Wettbewerb, Steuersystem, technischer Fortschritt. Über Jahrzehnte hinweg mussten sich die Industrieländer des­wegen kaum Sorgen machen. In Zukunft braucht es aber Efforts: Bei der Libera­lisierung von Arbeits- und Dienstleistungsmärkten, der Förderung von Familie und Beruf, der digitalen Infrastruktur.

Hören wir also auf, so zu tun, als würde alles nur von den Notenbankern ab­hängen. Sondern, und dies ist die eigent­liche Botschaft der Negativzinsen: Nehmen wir das Schicksal der Wirtschaft wieder selbst in die Hand.

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