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Freie Sicht
Formidabler Fehlschluss

War ursprünglich gegen den Brexit, jetzt ist sie dafür: Premierministerin Theresa May.Keystone

Wer den Brexit als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte darstellt, blendet die wesentlichen Fakten aus.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 31.03.2017

Die Finanzkrise wird gerne als Freipass für die Ökonomenschelte aufgefasst. Melden sich Exponenten zu Wort, um vor Dingen wie dem Brexit zu warnen, werden sie von Politikern in den Senkel gestellt. Die Warnungen werden als Angstmacherei abgetan. Grossbritannien gehe es «formidable», lächelte etwa Front-National-Chefin Marine Le Pen letzte Woche zur nationalen Debattenzeit in die Kamera.

Wie grossartig es den Briten gehe, zeige die Arbeitslosigkeit, so die französische Präsidentschaftskandidatin. Diese sei so niedrig wie seit 2004 nicht mehr. Zudem sei das Wachstum in Grossbritannien doppelt so hoch wie in Frankreich. Alles voreingenommene Deppen also, diese Ökonomen? Kaum. Abgesehen davon, dass England letztes Jahr nicht doppelt, sondern nur anderthalbmal so rasch wie Frankreich wuchs, zeugen die ­zitierten Daten vor allem von einem: Wie formidabel das Missverständnis ist, das dem Le-Pen-Urteil zugrunde liegt.

Der Brexit kommt erst noch

Der wichtigste Punkt am Brexit ist: Er hat noch gar nicht stattgefunden. Pre­mierministerin Theresa May hat den Austrittsprozess gerade erst diese Woche eingeleitet. Konkrete Gesetze werden erst in ein bis zwei Jahren geändert. Die nationalökonomischen Freudensprünge über die angebliche Brexit-Erfolgs­geschichte sind somit stark verfrüht.

Für den positiven Wirtschaftstrend gibt es andere Gründe. Die Arbeitslosigkeit sinkt in Grossbritannien schon seit 2012 – unter anderem, weil der britische Staat Defizite in Kauf nahm und die Bank of England die Wirtschaft mit einer aggressiven Geldpolitik unterstützt hat. Die britische Notenbank hat keine zwei ­Monate nach dem Brexit-Urnengang mit einer weiteren Lockerung auch erwirkt, dass die gute Zeit noch länger anhält. Die Wirtschaft auf der Insel hielt sich letztes Jahr nur dank Billigstzinsen und einer markanten Zunahme von Konsumkrediten über Wasser.

Erste Anzeichen wie das schwache Pfund

Längst nicht alle Daten sind positiv. In Grossbritannien nimmt die Inflation ­bereits spürbar zu. Das schwache Pfund lässt die Preise schneller wachsen als die Löhne. Gut 2 Prozent Teuerung werden zurzeit registriert, fast 3 Prozent sollen es dieses Jahr werden. Still ist es derweil um die Investitionen von Unternehmen geworden. Sie gingen Ende Jahr um 1 Prozent zurück und dürften weiter stagnieren. Je näher der reale Brexit rückt, desto mehr Stellen werden aus London nach Kontinentaleuropa verschoben.

Man kann es durchaus wollen: den Stopp des freien Personenverkehrs, den Aderlass im Finanzsektor, die Disruption des Handels mit Europa. Zu behaupten, dass all dies nichts kostet, ist aber schlicht falsch. England wird in den nächsten Jahren schleichend an Terrain verlieren – so, wie es das britische ­Finanzministerium vor dem Brexit ­vorausgesagt hat. Nur, weil Ökonomen einmal eine Krise nicht kommen sahen, lassen sich die Gesetze der Ökonomie nicht ausser Kraft setzen.

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