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Freie Sicht
Forschen für Köche

Kochen als Wissenschaft: Gastronom in seiner Küche. Keystone

Welche nützen und unnützen Projekte der Bund mit Forschungsgeldern alles unterstützt.

Kommentar  
Von Urs Paul Engeler
am 06.06.2016

Es ist eine ebenso erheiternde wie ärgerliche Geschichte, die letzte Woche diverse Me­dien beschrieben. Da versuchte eine Urner Variante des Comic-Helden Daniel ­Düsentrieb, ein revolutionäres Luftansaugsystem (von hinten statt von vorn) für Jets zu entwickeln – so weit der amüsante Aspekt. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt unter ­damaliger Leitung von Peter Müller (SP) ­finanzierte das Projekt, das Prinzipen der Physik ausser Kraft gesetzt hätte und von Patent­ämtern rasch retourniert wurde, mit gegen 1 Million Franken – dies die unerfreuliche Folge.

So bizarr bis peinlich der Vorgang ist, so stellt er keineswegs eine Rarität dar. Der ­Boden, auf dem in Bern solche Grotesken gedeihen, heisst «Ressortforschung des Bundes». Gegen 300 Millionen erhalten die Bundesämter jährlich, um eigenhändig Analysen oder Projekte durchzuführen oder zu ver­geben. Der Wirrwarr der erzielten Resultate lässt sich grob in drei Kategorien einteilen:

  • Die mit Abstand grösste Gruppe ist jene der «nützlichen» Studien, der Auftragsarbeiten also, welche die Absichten des zahlenden Bundesamtes wissenschaftlich rechtfertigen sollen. So liess, als eher harmloses Beispiel, das Bundesamt für Sport die erhofften «Bildungseffekte durch Sport» analysieren. Die Studie mündete in die Erfolgsstory, ­wonach «Schulsportinterventionen» sich positiv «auf das Arbeitsgedächtnis, die ­kognitive Flexibilität und die Steuerung von Impulsen» auswirkten.
  • Zahlreich sind die Broschüren, die derart unerheblich sind, dass sie nur als maximale Ausnützung der Budgetmittel oder als ­Unterstützung befreundeter Institute, ­Firmen und Personen verstanden werden können. Das Staatssekretariat für Migration liess 2014, fünf Jahre nach der Auflösung der ­Tamil Tigers, an den Genfer Zentren für Friedensforschung die gar nicht mehr existente Rebellengruppe auf 96 Seiten analysieren. Oder: Im Auftrag des gleichen Amtes, eine «Fiskalbilanz der neuen Immigration» zu ­erstellen, kamen die Wirtschaftswissenschafter der Uni Basel zu einem Schluss, der die Grenze zur Banalität unterschreitet: «Übersteigen die Beiträge [der Zuwanderer, der Autor] die erhaltenen Leistungen bzw. fällt die Fiskalbilanz positiv aus, ist die Immigration aus der Sicht des Staatshaushalts für das Zielland profitabel.»
  • Keineswegs selten sind drittens Aktionen und Resultate, die bestenfalls der Belustigung dienen oder Unsinn sind. So rüstet das Eidgenössische Hochschulinstitut für ­Berufsbildung in Kollaboration mit den ­Spezialisten der Unis Freiburg und Genf Lehrlinge auf Staatskosten mit Kopfkameras aus. Die Neuerung förderte dann, auf ­hochoffiziellem Bundespapier, folgende End­ergebnisse zutage: «Im Beruf Köche ist es schwierig, Arbeitsabläufe in Texten zu ­beschreiben. Aus diesem Grund wurden ­Köchinnen und Köchen Kameras gegeben, die bei gewissen Arbeitsvorgängen benutzt wurden. Die Fotos und Videos zeigten sowohl gelungene als auch fehlerhafte Abläufe, die später mit der Lehrperson besprochen werden konnten. Diese Aktivität ermöglichte einen direkten Vergleich des gleichen ­Vorgangs (z.B. Karotten schälen und zuschneiden) in verschiedenen Arten von ­Restaurants (z.B. grosse Betriebskantine, edles Restaurant oder Schnellimbiss). Die Aktivität hatte einen positiven Einfluss auf die ­Lernergebnisse der Köchinnen und Köche.»

PS: Das Staatssekretariat für Bildung, ­Forschung und Innovation garantiert
die um­fassende und rigorose Sicherung der Qualität der Ressortforschung.

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