1. Home
  2. Blogs
  3. Freie Sicht
  4. Gutwort und Unwort

Freie Sicht
Gutwort und Unwort

«Notleidende Banken» wurde 2009 zum «Unwort des Jahres» gewählt.Keystone

Wenn die Sprachpolizei einschreitet, stecken meist politische Motive dahinter. Eine Kritik an der Idee des «Unworts».

Kommentar  
Von Urs Paul Engeler
am 02.12.2016

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und so stecken in selbsternannten Jurys ­Besorgte ihre Köpfe zusammen, um das Wort des Jahres zu verkünden und das Unwort des Jahres zu ächten. Klare ­Kriterien dafür fehlen, die Absichten schimmern aber durch. Redlich sind sie nicht. Die Wortwächter küren nicht etwa den am häufigsten ­verwendeten Begriff oder die wohlklingendste Buchstabenkombination oder einen neuen, über­raschenden Ausdruck zum Jahreswort, sondern die Wendung mit dem wirksamsten politischen Drall – in eine Richtung.

So dürfen, um mit den Unwörtern der letzten Jahre zu beginnen, Deutsche, die politisch korrekt sein wollen, nicht mehr von «notleidenden Banken» sprechen (Not litten nicht Geldinstitute, sondern Menschen), auch nicht mehr «Gutmensch», «Sozialtourismus» oder «Lügenpresse» gebrauchen. In Österreich ist «inländerfreundlich» (weil ausländerfeindlich) aus dem Wörterbuch des Musterbürgers gestrichen worden. Die Schweizer Sprachreiniger haben «systemrelevant» (verbrecherische Banken würden so zu Stützen des Staates auf­gewertet), «Asylchaos», «Dichtestress» oder «Ökoterror» mit ihrem Bann belegt.

Umgekehrt sind in Österreich und Deutschland «Willkommenskultur» und «Flüchtlinge» (als veredelnder Gegenbegriff zum neutralen bis abwertenden «Migranten») zu den Gutwörtern des Jahres 2015 geweiht worden, wobei die Mehrzahlform speziell auffällt. Der ­Plural wurde nicht etwa gewählt, weil besonders viele Flüchtlinge gekommen sind, sondern weil die Einzahl nicht gender-konform ist. Es gibt sie (noch) nicht, die Flüchtlingin. Daran haben die Sprachänderer noch zu arbeiten.

Den internationalen Trend setzt der Vorstand der Oxford Dictionaries. Die Briten haben «post-truth», übersetzt mit «postfaktisch», zum Wort der Wörter ­bestimmt. Faktisch beleidigt das Adjektiv die Mehrheit der Briten und die Hälfte der US-Bürger. Denn die Menschen, die dem Brexit zugestimmt oder Trump gewählt haben, so predigt jetzt die erzürnte Jury, hätten sich nicht von objektiven Tatsachen, sondern allein von Gefühlen und persönlichem Glauben leiten ­lassen, seien mithin dumm und irr.

Allerdings fällt der Vorwurf des faktenfreien Behauptens auf die Linguisten zurück. Erstens greift jeder Mensch aus der unendlichen Zahl von Fakten die­jenigen heraus, die sein Leben (nicht ­jenes der offiziellen Ideologen) prägen. Zudem wird Politik weniger von amt­lichen Zahlen bestimmt als von Inter­essen und Zukunftserwartungen. «Post-truth» ist somit nichts anderes als die billige Rache schlechter Verlierer. Auf dieser Linie wird bald auch die helve­tische Sprachpolizei die Bürger tadeln. Bis zum 6. Dezember können Leute, die an der politischen Lenkung der öffent­lichen Rede interessiert sind, auf der SRG-Website, Radio 3, Vorschläge deponieren. Meine Favoriten sind «Populist» (eignet sich perfekt zur Diffamierung ­aller Aufmuckenden) und als Unwort «Inländervorrang» (kränkt Migranten).

Anzeige