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Freie Sicht
Indien sorgt für die Alten

Dass die AHV funktioniert, liegt auch an der Zuwanderung. Keystone

Schweizer arbeiten viel und kriegen wenig Kinder. Das hat Folgen für die Vorsorge, wie ein Ländervergleich zeigt.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 08.09.2016

Kinder statt ­Inder. Der Slogan kursierte, als Flüchtlinge aus Sri Lanka in die Schweiz kamen und als Firmen begannen, Fachkräfte aus dem Subkontinent zu ­rekrutieren. Der Spruch ist xenophobisch motiviert, doch er reflektiert eine Tatsache: Die Schweiz investiert relativ wenig in einheimische Ressourcen.

Um die Bevölkerung konstant zu halten, wären 2,1 Kinder pro Frau nötig. In der Schweiz kommen 1,5 Kinder pro Frau zur Welt. Die Fertilitätsrate ist seit 20 Jahren mehr oder weniger unverändert. Ohne Immigration würde die Einwohnerzahl schrumpfen. Dass dies nicht passiert, liegt an Zehntausenden von Zuwanderern, die Jahr für Jahr in die Schweiz kommen. Sie sorgen auch dafür, dass die Wirtschaft wächst – mit 1 bis 2 statt mit 0 bis 1 Prozent. Das hilft nicht zuletzt auch dem AHV-Rentensystem.

Warum zieht die Schweiz ausländische Arbeitskräfte dem eigenen Nachwuchs vor? Vermutlich, weil ihre Einwohner viel arbeiten. Was eigentlich ein para­doxes Verhalten ist. Denn die Schweizer konsumieren die ganzen Dinge, die sie herstellen, gar nicht – sie erwirtschaften Jahr für Jahr grosse Exportüberschüsse. Immerhin: Im Gegenzug erhalten sie Vermögenswerte im Ausland, die eine Rendite abwerfen. Das heisst: Künftige Bezüger von BVG-Pensionskassengeldern werden nicht nur von Indern in der Schweiz über Wasser gehalten. Sondern auch von Indern, die in Indien arbeiten.

Indien statt Kinder: Deutschland treibt das Prinzip auf die Spitze. Dort kommen noch weniger Kinder zur Welt. Bis zur Flüchtlingswelle kamen auch kaum Zuwanderer. Die Bevölkerung soll bis 2050 deshalb um 7 Prozent schrumpfen. In Deutschland werden noch weniger Enkel da sein, um die Alten zu versorgen. Es ist also kein Zufall, dass die Politik im nördlichen Nachbarland bereits das Rentenalter 69 diskutiert. Die Vermögen, die Deutschland in Südeuropa angelegt hat, sind übrigens alles andere als sicher.

Weniger abhängig vom Ausland – und von Ausländern – sind Frankreich und Schweden. In beiden Ländern bringen Frauen im Schnitt knapp 2 Kinder zur Welt. Die Fertilität ist unter zugewanderten sowie unter waschechten Franzosen und Schweden höher als in der Schweiz. Auch dies ist kein Zufall: Kinderkrippen sind in beiden Staaten viel günstiger als in der Schweiz. Dazu wird frischen ­Vätern und Müttern ein längerer Elternurlaub finanziert. Schwedens Wirtschaft geht es übrigens blendend. Und Frankreich schrumpft immerhin nicht: 2050 dürfte es 12 Prozent grösser und das ­bevölkerungsreichste EU-Land sein.

Renten-, Familien- und Zuwanderungs- und Verteilpolitik hängen zusammen. Länder haben die Wahl, wo sie investieren wollen: In die Wirtschaft im Ausland oder in jene im Inland. In zugewanderte Arbeitskräfte oder in eigene Kinder.

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