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Freie Sicht
Jordan macht die Räume eng

Meister der Ballführung und der Rhetorik: Schweizer Nationalteam im Training. Keystone

Fussballtrainer und Notenbanker haben zwei Dinge gemeinsam: Sie stehen unter intensiver Beobachtung. Und sie sind Meister im Jonglieren mit Floskeln und Phrasen.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 23.06.2016

Die Chancen verwerten. Schneller in die Offensive schalten. Mehr Zweikämpfe ­gewinnen. Das Posi­tive mitnehmen! Wir kennen die Phrasen, die Fussballtrainer jeweils in Interviews von sich geben, wenn die Mannschaft mal wieder nur mittelmässig gespielt hat und das Ergebnis nicht den Erwartungen entspricht.

Wir kennen auch die Standardfloskeln der Notenbanker, die diese regelmässig an ihren Pressekonferenzen aussprechen. Der moderate Wirtschaftsausblick. Der massvolle Fortschritt am Arbeitsmarkt. Die beträchtlichen Risiken am globalen Finanzmarkt. Die Bereitschaft, zu intervenieren. Die Notwendigkeit von Strukturreformen! Leute wie Janet Yellen und Mario Draghi machen den welt­besten Coaches Konkurrenz, wenn sie Monat für Monat vor die Medien treten und dabei versuchen, undurchsichtige Trends und unerwartete Rückschläge mit allerlei Hinweisen, Beteuerungen und Redewendungen auf einen Nenner zu bringen – ohne dabei die Zuversicht des Publikums allzu stark zu dämpfen.

Die Kommunikationsprinzipien ähneln sich im Sport und im Zentralbanken-Business. Nicht vom Titel sprechen. Von Spiel zu Spiel schauen. Auch die Federal Reserve beherzigt solche Ratschläge. Speziell, seit sie wiederholt am selbst­gesteckten Ziel gescheitert ist, die ­Zinsen innert nützlicher Frist auf 2 bis
3 Prozent anzuheben. Es sei fraglich, meinte kürzlich der Fed-Regionalbanker aus St. Louis, James Bullard, ob die US-Notenbank überhaupt einschätzen ­könne, wie sich die Wirtschaft mittelfristig entwickle. Die Relativierung leuchtet ein; am Markt gelten die Prognosen
der Fed ohnehin nicht mehr viel. Erwartungsdruck vermeiden: Selbst Regionalligatrainer wenden diesen Trick an.

Nicht übers Saisonziel diskutieren. Den Ball flach halten. Nach diesen Leitsätzen kommuniziert auch die Schweize­rische Nationalbank. Seit die SNB den Mindestkurs zum Euro aufgehoben hat, beschränkt sie sich auf wenige Kern­aussagen. Erstens, dass der Schweizer ­Franken überbewertet ist. Zweitens, dass die Überbewertung mit Negativ­zinsen bekämpft wird. Und drittens, dass die SNB stabilisierend eingreift, wenn es am Devisenmarkt brenzlig wird. Zum Beispiel in Standardsitua­tionen wie die Brexit-Abstimmung; dann beordert Thomas Jordan alles in die Verteidigung und pumpt Schweizer Franken in den Markt.  

Darüber hinaus erfährt das Publikum ­allerdings wenig. Was ist die Strategie: Bleiben die Zinsen so lange negativ, bis sich der Franken wieder abschwächt? Wenn ja, auf welches Niveau? Oder wird dereinst eine weitere Aufwertung in Kauf genommen, wenn dafür wieder höhere Zinsen drinliegen? Fragen gäbe es viele, doch die SNB hält sich bedeckt. Ergibt irgendwie Sinn, zumal auch die renommiertesten Ökonomen der Welt zurzeit nicht wissen, wie sich die globale Wirtschaft in Zukunft entwickeln wird. ­Inzwischen macht die Nationalbank ­einfach mal die Räume eng. Beobachtet die Situation genau. Analysiert das Spiel und zieht daraus ihre Schlüsse.

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