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Freie Sicht
Vehikel der Vernunft

Ein Monsterprojekt: Besucher des Klangturms auf der Arteplage der Expo.02 in Biel/Bienne. Keystone

Das ostschweizer Expo-Projekt an der Urne Schiffbruch erlitten. Was dies über den Wesenskern der Schweiz aussagt.

Kommentar  
Von Urs Paul Engeler
am 17.06.2016

Vor einem Monat habe ich das Dossier «Expo.02» entsorgt: Drei grosse Kartonkisten, gefüllt mit elf Bundesordnern, Prospekten, Ideenskizzen, vierfarbigen Visionen, Anfeindungen, Irrungen und Wirrungen, Führungskämpfen, Verheissungen, Mil­liardenlöchern und Kommentaren zur teuren Banalität, mit denen die vier Arteplages schliesslich aufgefüllt worden waren. Doris Leuthard (CVP): «Ein Wir-Gefühl wird kaum erreicht.» Franziska Teuscher (Grüne): «Grosse Chilbi, riesiges Finanzdebakel.» Historiker Georg Kreis: «Konstrukt ohne Mitteilung.» Schriftsteller Franz Hohler: «Bleibende Erinnerung? Leere Parkplätze!» Und Anita Fetz (SP): «Das Wichtigste sind die Bars.»

Weder Touristiker noch regionale Wirtschaftskammern noch die Uhrenindus­trie konnten für die Drei-Seen-Region höhere Frequenzen oder steigende Umsätze registrieren. Nur der Aufbau und die Demontage der Plattformen hätten temporär etwas Zusatzarbeit gebracht. Kurz: Ich übergab der Papierabfuhr geschätzte 20 Kilogramm Nichts.

Nach Biel, Neuenburg, Yverdon und Murten, die 1,6 Milliarden Franken ausgegeben, nur 600 Millionen eingenommen und für den grossen Rest die Bundeskasse angezapft hatten, wollte es im Jahr 2027 die Ostschweizer Classe politique wissen. Nur die Innerrhödler warteten wohlweislich ab. «Die Ostschweiz traut sich das zu», wurde auf der Website verkündet. Der Slogan war eine Lüge. Er verschleierte, dass die Politiker zuallererst nach Bern gerannt waren, um sich – nach dem Vorbild der Expo.02-Promotoren – die finanzielle Unterstützung des Bundes zu sichern. Ohne das zuständige Parlament zu fragen, hatte der Bundesrat die Übernahme der Hälfte der Kosten vorsorglich garantiert, bis zur wahrhaft stolzen Limite von 1 Milliarde Franken! Das Staatssekretariat für Wirtschaft war beratend und mitentscheidend eingebunden. Ausgerechnet alte Expo.02-­Macher werkelten konzeptionell mit.

So standen alle Zutaten bereit, um den fatalen Cocktail neu anzurichten: Viel Steuergeld zur Förderung angeblich benachteiligter Regionen, frohe Erwartungen von Geschäftemachern aller Art, ­pathetische Auftritte der Politiker sowie Aufträge für PR-Büros, Vor-, Quer- und Nachdenker, Kunstschaffende und ­andere Subventionsjäger. Der Widersinn wurde verdeckt von Wörterwolken, die das konzeptlose Konzept «Expedi­tion27» hätten rechtfertigen sollen: «Grenzüberschreitende Offenheit am Bodensee», «neue Identitätsstiftung», «Reflexion für eine zeitgemässe Erneuerung des Wesenskerns der Schweiz».

Nun, der Wesenskern der Schweiz, ­zumindest jener der nüchternen Ostschweizer, wurde gerade dadurch enthüllt, dass die St. Galler und Thurgauer Bürger den «Reflexionsprozess» beendet haben, bevor er beginnen, Papierberge gebären und Unheil stiften konnte. Gegen den Druck von oben und gegen die Parolen fast aller Parteien verwarfen sie am Sonntag die Planungskredite von 5 und 3 Millionen Franken. Der «Wesenskern der Schweiz» muss nicht neu erfunden werden. Er heisst direkte Demokratie und bleibt das «zeitgemässe» Vehikel der politischen Vernunft.

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