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Freie Sicht
Verlorenes Steuerparadies

Der Kanton Zug gilt als attraktiver Standort in Steuerfragen.Keystone

Viele Politiker und Bürger glauben, die Schweiz sei ein Tiefsteuerland. Das ist leider völlig falsch.

Kommentar  
Von Reiner Eichenberger
am 30.09.2016

Schweizer Steuerdiskussionen wie jene um die Unternehmenssteuer­reform III leiden an gestörter Selbstwahrnehmung. Viele Politiker und Bürger glauben, die Schweiz sei ein Steuerparadies und Tiefsteuerland und brauche deshalb keine weiteren Steuersenkungen. Das ist leider völlig falsch. Zwar ist die Gesamtsteuerbelastung in der Schweiz tatsächlich eher tief. Doch für Gutverdienende sind die meisten Kantone unattraktiv.

Erstens hat die Schweiz das progres­sivste Steuersystem Europas. Während die Steuersätze für Durchschnittsverdiener deutlich tiefer sind als in den meisten EU-Ländern, sind die Spitzensteuersätze in vielen Kantonen praktisch europäischer Durchschnitt oder sogar höher.

So beträgt in der Stadt Zürich der Spitzensteuersatz für Alleinstehende ab 255 000 Franken Einkommen inklusive Bundes-, aber ohne Kirchensteuer 41,7 Prozent. Hinzu kommen die AHV- und ALV-Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, die für Gutverdienende nichts anderes als Steuern sind (denn bei guten Einkommen wachsen mit ­zusätzlichem Einkommen nur noch die Beiträge, aber nicht die Leistungen). So beträgt dann die tatsächliche Spitzen­belastung rund 52 Prozent. In den 17 Ländern der Euro-Zone hingegen gelten Spitzensätze von zumeist 40 bis 50 Prozent, mit einem Durchschnitt von rund 47 Prozent. Anders als in der Schweiz müssen dabei auf hohen Einkommensanteilen zumeist keine Beiträge mehr  an die staatliche Altersvorsorge bezahlt werden.

Zweitens haben viele Kantone eine ­aussergewöhnlich hohe Besteuerung der persönlichen Vermögen von bis fast 1 Prozent. Ähnlich hohe Vermögenssteuern gibt es im OECD-Raum nur noch in Norwegen und Frankreich. Hingegen ­erheben die immer wieder als besonders sozial gepriesenen Schweden und Dänemark oder auch Deutschland und Österreich keine Vermögenssteuern. Zugleich werden in diesen Ländern auch die Vermögenserträge deutlich tiefer besteuert, weil sie dort anders als in der Schweiz einem weit tieferen Satz unterliegen als Arbeitseinkommen, zumeist etwa der Hälfte. So hat Deutschland eine Steuer auf Kapitalerträge von 26,4 und Österreich von 25 Prozent. Dass diese Steuern auch Kapitalgewinne erfassen, frisst den grossen Steuervorteil gegenüber der Schweiz bei weitem nicht auf, denn die wenigsten privaten Anleger machen ­systematisch Kapitalgewinne.

Damit ist die Schweiz steuerlich praktisch nur noch für Personen attraktiv, die ihre Steuern in Tiefsteuerkantonen zahlen oder so wie nicht wirtschaftlich tätige Ausländer der Pauschalbesteuerung ­unterliegen. Für gutverdienende ­normalbesteuerte In- und Ausländer hin­gegen sind die meisten Kantone – Steuer­höllen. Die Politik sollte dies ­endlich ernst nehmen. Denn für die Standort­attraktivität sind die Einkommenssteuern der Mitarbeiter eher ­wichtiger als die Unternehmenssteuern.

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