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Freie Sicht
Wachstum ist gut

Es wird in die Höhe gebaut: Europaallee in Zürich. Keystone

Hören wir auf, Wirtschaftswachstum und Zuwanderung zu verteufeln. Denn wir sind als Gesellschaft abhängig davon.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 14.07.2016

Erinnern Sie sich an Gordon ­Gekko und dessen Eloge auf die Gier? «Greed is good», lautete die Formel des von Michael Douglas gemimten Wall-Street-Bankers im gleichnamigen Film von 1987. «Gier ist gut.» Ein Satz, der die Widersprüche des Shareholder-Value-Kapitalismus perfekt auf den Punkt brachte und zugleich ­moralischen Abscheu provozieren sollte.

Ein Vierteljahrhundert später gilt Gier nach wie vor als unfein. Geldsucht bringt die Gemüter zum Kochen, vor allem, wenn sie bei Managern diagnostiziert wird, die für Aktionäre nicht die geforderte Rendite erbringen. Zur Gier ist ­jedoch ein weiteres Reizwort hinzugekommen: Wachstum. Wer heute für eine i­mmerwährende Steigerung des Wirtschafts-Outputs einsteht, ist anrüchig, gilt bestenfalls als ökologischer Ignorant und schlimmstenfalls als Gesellschaftsfeind. Die quantitative Steigerung der Wirtschaftsleistung wird als Belastung aufgefasst. Mehr Menschen zählen als Stress. War Wachstum über weite Strecken des 20. Jahrhunderts noch positiv konnotiert, so herrscht im 21. Jahr­hundert grosser Argwohn gegenüber dem Konzept. Gordon Gekko lässt ­grüssen.

Die Kritik hat durchaus ihre Berech­tigung. Auf der Erde werden mehr Ressourcen verbraucht, als das Ökosystem verkraften kann – vor allem fossile ­Ressourcen, deren Verbrauchspreis zu ­niedrig ist. Mehr materieller Wohlstand macht nicht zwangsläufig glücklicher, auch wenn Zahlen wie das BIP dies manchmal suggerieren. Grössen, die aus­serdem den Wert von sozialen ­Leistungen und natürlichem Erholungsraum nur ungenügend erfassen.

Doch auch die Wachstumsskepsis hat ihre blinden Flecken. Die Herstellung ­immer mehr und immer wertvollerer ­Güter und Dienstleistungen ist der wichtigste Faktor, der Menschen über die ­Jahre hinweg mehr Freizeit, bessere ­Gesundheit und darüber hinaus auch die Möglichkeit verschafft hat, umweltfreundlichere Technologien zu ent­wickeln. Das BIP pro Kopf ist zwar nicht die Ursache des menschlichen Glücks, aber empirisch eng mit all den Dingen verknüpft, die das Leben angenehm ­machen. Selbst das absolute Wachstum – also das Wachstum des BIP insgesamt und nicht nur pro Kopf – hat seine Vorzüge. Es erleichtert etwa die Finanzierung von Renten: Mehr Bevölkerungswachstum bedeutet mehr Wohlstand im Alter. Ähnliches gilt für die Zuwanderung. Durch sie reduziert sich über die Zeit die Last von Schulden, die sich ein Staat in der Vergangenheit aufgebürdet hat.

Das gemeinsame an der Gier und am Wachstum ist die Selbstgerechtigkeit der Kritiker. Das Aufheulen über gierige ­Manager beruht in seinem Kern auf – der eigenen Gier. Die Verteufelung des Wachstums verkennt, wie gross die ­eigene Abhängigkeit eben davon ist. «Wachstum ist gut», würde ein Gordon Gekko treffend in die Runde werfen.

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