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Freie Sicht
Warmes Klima plötzlich gut?

El Nino bringt das Wetter durcheinander: Spaziergänger im Lake Balboa Park in Kalifornien.Keystone

Ist der Nutzen des Kriegs gegen die Klimaerwärmung wirklich grösser als seine Kosten?

Kommentar  
Von Reiner Eichenberger
am 18.11.2016

Gemäss dem Pariser Klimaabkommen soll die langfristige, weltweite Klimaerwärmung auf unter 2 Grad beschränkt werden – gerechnet ab Beginn der Industrialisierung. Dieser Kampf, den viele gerne als «Krieg gegen Klimaerwärmung» führen möchten, wird riesige Kosten haben.

Die für kühlere Gemüter entscheidende Frage ist deshalb, ob seine Nutzen grösser als die Kosten sein werden, oder für noch kühlere Gemüter: Wo in Abwägung der zusätzlichen Nutzen und Kosten die optimale Kampfintensität liegt. Für diejenigen, die in der Klimaerwärmung die ultimative Katastrophe sehen, ist die Antwort klar. Weniger klar waren bisher die wissenschaftlichen Ergebnisse. Zu gross sind die Unsicherheiten über die konkreten zukünftigen Nutzen und Kosten und wie sie richtig abzuzinsen sind.

Nun ist ein überaus anregender Bericht der Akademie der Naturwissenschaften über die konkreten bisherigen und zukünftigen Effekte der Klimaerwärmung in der Schweiz erschienen. Dabei ist weniger interessant, was bisher für Schlagzeilen gesorgt hat; etwa, dass die Zahl der vorzeitigen Todesfälle infolge Hitze steigen wird, die Skisaison kürzer werden wird und die Schweizer Wintersportorte stark leiden werden. Die Gegenargumente sind nur zu offensichtlich: Die Zahl der vorzeitigen Todesfälle infolge Kälte wird noch viel stärker sinken, die Badesaison wird länger werden und die bekannten Schweizer Skiresorts gehören zu den grossen Gewinnern, weil die meisten ihrer ausländischen Hauptkonkurrenten tiefer liegen und stärker unter Schneemangel leiden werden.

Viel spannender ist folgende Feststellung: In der Schweiz hat sich die Temperatur seit 1850 bereits um 1,8 Grad erhöht, viel mehr als im globalen Durchschnitt von «nur» 0,85 Grad. Freilich heisst das nicht, dass der Schweiz nun nur noch 0,2 Grad zusätzliche Erwärmung blüht. Es könnten sicher auch die der Welt noch «fehlenden» 1,15 Grad oder auch nochmals 1,8 Grad sein, ­insbesondere wenn das weltweite 2-Grad- Ziel verfehlt wird.

Trotz aller Unsicherheit lehrt dies zweierlei: Erstens, die bisherige absolute ­Klimaerwärmung von 1,8 Grad hat unser Leben und unsere Umwelt im Vergleich mit ­allen technischen, wirtschaftlichen, ­politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 150 Jahre nur ­wenig verändert. Es wird im Bericht nicht klar, weshalb sich das in Zukunft ändern soll.

Zweitens, zur Beantwortung der Frage nach Nutzen und Kosten der Klimaerwärmung drängt sich eine ketzerische Frage auf: Würden Sie lieber in einer Schweiz mit Klimaerwärmung und in Zukunft nochmals 1,15 bis 1,8 Grad ­höheren Temperaturen leben – oder in­ ­einer Schweiz ganz ohne Klimaerwärmung, in der es im Durchschnitt 1,8 Grad kälter ist als heute? Gemäss meiner zugegebenermassen kleinen Stichprobe finden so gefragt viele die Klimaerwärmung plötzlich gut.

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