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Kompass
Warum es Frauen schadet, wenn man sagt, sie steigern den Profit

 

Eine viel zitierte Studie soll belegen: Mehr Frauen in Chef-Positionen steigern die Firmengewinne. Ein genauer Blick zeigt aber, dass diese These den Frauen am Ende mehr schaden als nützen könnte.

Kommentar  
Von Stefan Mair
am 04.03.2016

Eine Untersuchung von 22'000 Firmen aus 91 Ländern hat ergeben, dass eine Firma mehr Gewinne macht, wenn sie mehr Frauen in Chefpositionen beruft. Die Studie des «Peterson Insitute for International Economics» in Washington hat in den letzten Tagen für Aufsehen gesorgt.  Müssen Firmen einfach mehr Frauen auf die vielen Chief-Posten berufen, um ihre Profitabilität zu steigern?

Auf den ersten Blick irritiert, dass sich die Studie ausschliesslich auf das Jahr 2014 bezieht. Eine allgemeingültige Aussage über den Zusammenhang von Frauenanteil und Gewinn durch eine solche Momentaufnahme zu treffen, ist gewagt. Beobachtet man die Debatte nach der Veröffentlichung, stellt man zudem fest, dass die Ergebnisse von so verschiedenen Seiten instrumentalisiert werden, dass sie Frauen am Ende mehr schaden als nützen könnte. Bizarrerweise haben die Studienautoren selbst vor diesen Interpretationen gewarnt.

Keine Rechtfertigung für Quote

Zu allererst: Das Ergebnis der Studie ist keine Rechtfertigung für eine Quote. Die Autoren fanden keine Evidenz, dass Quoten, wie sie etwa in Dänemark und Finnland gelten, Unternehmensgewinne beeinflussen. Dennoch lässt sich die Schlagzeile zur Studie: Mehr Frauen bringen mehr Profitabilität, leicht für dieses Ziel instrumentalisieren.  

Das Ergebnis der Studie ist keine Rechtfertigung, die Frauenförderung einzustellen. Aber genau das wird von manchem Kommentator jetzt gefordert.

Zweitens: Das Ergebnis der Studie ist keine Rechtfertigung, die Frauenförderung einzustellen. Aber genau das wird von manchem Kommentator jetzt gefordert. Weil mehr Chef-Frauen mehr Profitabilität bringen würden, müsse man jetzt den kapitalistischen Trieb der Gewinnmaximierung spielen lassen. Die Bosse würden von alleine ganze Heerscharen an Frauen einstellen, einfach deshalb weil sie den Gewinn steigern. So ist es in dieser Woche etwa im Forbes-Magazin nachzulesen.

Der Mittelbau wird vergessen

Drittens: Die Schlagzeile «Mehr Führungsfrauen bringen mehr Profitabilität» lenkt von den Frauen in Firmen ab, deren Karriere am meisten gefährdet ist. Nämlich jene im mittleren Management. Die sogenannte Leaky Pipeline ist eines der schwerwiegendsten Hindernisse für die Förderung von Frauen in Un
ternehmen. Analysiert man nämlich den Anteil von Frauen und Männern in einer Firma über einen längeren Zeitraum und verschiedene Karrierestufen hinweg, zeigt sich, dass der Frauenanteil im Zeitverlauf stetig sinkt. Vor allem ab der Junior-Management-Ebene bis zum Ende der Middle-Management-Ebene sinkt der Frauenanteil drastisch, während der Anteil von Männern auf allen Ebenen relativ stabil bleibt.

Die in diesen Tagen heftig debattierte Studie fordert zwar eine Förderung über alle Hierarchiestufen hinweg, fokussiert gleichzeitig aber auf die Chief-Ebene. Dabei zeigt etwa das Beispiel Norwegen: Der Trickle-Down-Effekt, also der Anstieg von Frauen auf unteren Managementebenen durch Quoten auf den obersten, findet dort nicht statt. Der Frauenanteil im mittleren Management blieb bei den dortigen Firmen nahezu unverändert. Auch der Einkommensunterschied zwischen hochqualifizierten Männern und Frauen unterhalb der Führungsebene liegt nach wie vor bei rund 15 Prozent. Mehr Frauen auf Top-Ebene lösen also nicht die Probleme der Frauen auf der mittleren Ebene.   

Unverständliche Leichtfertigkeit 

Firmen, die Gleichstellungsmassnahmen ernst nehmen, analysieren genau, wo bei ihnen das Leaky-Pipeline-Phänomen beginnt. Experten empfehlen eine gezielte Rekrutierung von Frauen auf dieser Managementebene und Massnahmen, die das Ausscheiden von Frauen verhindern. Sich aber wirklich mit den Leaky Pipelines der eigenen Firma auseinanderzusetzen und Frauen im Mittelbau zu fördern kostet Zeit, Geld und einen hohen Analyseaufwand. 

Mehr Frauen in der Top-Ebene lösen die Probleme der Frauen auf der mittleren Ebene nicht. Dort steigen aber die meisten aus dem Berufsleben aus.

Es ist unverständlich, dass diejenigen, die dieses Studienergebnis bejubeln, so leichtfertig die Frauen im Mittelbau vergessen, die Quote auf Top-Ebene rehabilitieren und die Notwendigkeit von wissenschaftlich fundiertem Gleichstellungscontrolling beiseite wischen wollen. Sie schaden den Frauen damit, obwohl sie ihnen eigentlich nützen wollen.

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