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Warum Linkedin auf Videos setzt

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Karrierenetzwerke wie Linkedin springen auf den Videotrend auf. Das verändert den Jobmarkt.

Stefan Mair
Kommentar  
Von Stefan Mair
2016-08-12

Seit langem wurde es erwartet. In der letzten Woche hat ­LinkedIn Nägel mit Köpfen gemacht. Ab sofort dürfen 500 ausgewählte User Videos hochladen, die nicht länger als 30 ­Sekunden dauern. Sie sollen dabei zu ihrem beruflichen Fachgebiet sprechen, kurze Tipps geben oder die ­Weltlage einordnen. Die Kurzvideos ­erscheinen automatisch im Newsfeed der jeweiligen Follower-Schar. LinkedIn hat für die Kurzvideos eine eigene App bereitgestellt, die Record-App. Diese soll den sogenannten ­Influencern dabei helfen, möglichst standardisierte Videoware abzuliefern, zumindest was das Format angeht. Mit der Einführung der Nutzervideos springt das Karrierenetzwerk auf den Videotrend auf, der lange schon das wichtigste Zukunftsprojekt von SocialMedia-Plattformen ist.

Die Nutzerzahlen von Video Content, wie er im Jargon der Marketing- und Werbegurus genannt wird, steigen immer weiter. Laut Vorhersagen werden in den nächsten Jahren 69 Prozent des gesamten Online-Traffics auf Videostreams zurückzuführen sein. 2018 sollen es fast 80 Prozent werden. Werbevideos, die vor das Bewegtbild gestellt werden, sollen die Umsätze nach oben treiben. Experten wundern sich nicht, dass LinkedIn jetzt mit den Videos startet, sondern dass das Portal so spät damit beginnt. Denn die Video-Funktion auf professionellen Jobmarkt-Seiten ist nicht neu.  Die Job-Website Get Hired hat bereits im Jahr 2012 mit Video-­Bewerbungen auf sich aufmerksam ­gemacht. Die Seite lockte zwar Investoren an, kam aber über eine gewisse Nutzerzahl nicht hinaus. LinkedIn mit seinen Millionen Nutzern könnte hier einen viel stärkeren Effekt haben und den Karrierevideos zum Durchbruch verhelfen.

Aussagekräftige Videos

Auch andere Jobportale arbeiten seit Jahren mit Videos. Auf Seiten wie Snagajob oder impressme können ­Jobinteressierte für sich werben. Die Betreiber der Portale geben zwar zu, dass sie bisher vor allem in Kreativbranchen boomen oder in Bereichen, in denen eine extrovertierte Persönlichkeit Voraussetzung ist, etwa im Marketing oder Verkauf. Bei Verkäufern beispielsweise sind solche Videos auch aussagekräfter als ein trockenes CV. Theoretisch kann sich aber ­jeder per Video auf den Portalen vorstellen. Firmen kommt der Videotrend vor allem im Umgang mit Millennials entgegen, die gewohnt sind, ihr ganzes Leben in einer nicht endenden Snapchat- oder Instagram-Story zu doku­mentieren. Die Jobsuche vonseiten der ­Arbeitnehmer und der Arbeitgeber könnte zudem immer intuitiver werden. Auf manchen Plattformen können sich Recruiter wie auf einem TinderProfil durch Kandidaten wischen. ­Ergänzt mit Videos ergeben sich hier noch schnellere Einblicke. Genauso ist das umgekehrt möglich: Junge Menschen klicken sich nicht mehr durch unübersichtliche Jobportale, sondern wischen sich durch 20-sekundige HR-Image-Videos der jeweiligen Firma. Für LinkedIn geht es aber nicht nur um Teenager, die Videos hochladen, sondern die Videostrategie ist die ideale Ergänzung für den Coaching- und Weiterbildungsbereich, bei dem die Seite die höchsten Wachstumsraten zu verzeichnen hat.

Der Erwerb der Weiterbildungs­firma Lynda passt da ins Konzept. Der umsatzstärkste Bereich des Karrierenetzwerks LinkedIn ist immer noch die «Talent Solutions»-Sparte. Hier verkauft das Karrierenetzwerk Recruiting-Lösungen für HR-Angestellte und hilft bei der Auswahl von Bewerbern. ­Analysten schätzen, dass dieser Bereich fast 60 Prozent des Marktwerts von LinkedIn ausmacht und der wichtigste Treiber für den Milliardenpreis war, den Microsoft zu zahlen bereit war. LinkedIn investiert massive Summen in neue, leicht handhabbare Anwendungen im Bereich Social Media ­Recruiting. Durch diverse ­Zukäufe, etwa die Daten­firma Bright, die 2014 ins Portfolio geholt wurde, soll die Arbeit für Rekrutierer noch mehr erleichtert werden. Vor allem deutet die Frage-und-Antwort-Funktion, die bei den Influencer-Videos möglich ist, auf die Richtung hin, die das Portal ­gehen will.

Geschäftsfeld für Coaches

Die vielen Millionen Nutzer könnten künftig Karrierefragen schnell und per Video abklären lassen. Auch Coaching-Einheiten der ­Personalabteilung könnten künftig über LinkedIn-Videochannels durchgeführt werden. Das LinkedIn-Profil könnte dann zum Anknüpfungspunkt für ganze ­HR-Dienstleistungen werden, die sich über Videos abwickeln lassen. Während Jobsuchende für sich werben, könnten Firmen selbst einzelne Abteilungen präsentieren, um High Poten­tials werben oder in Unternehmens­abläufe Einblick geben. Dazu kommt, dass Videos auf LinkedIn ein etwas ­seriöseres Umfeld haben als etwa auf Snapchat, wo sich vom 10-Jährigen bis zum Popsternchen alles tummelt, was eine Handy-Kamera halten kann.

Bei LinkedIn dürfte es nicht mehr lange dauern, bis allen Nutzern die ­Videofunktion offensteht. Jasper Sherman-Presser, ein Product Manager von LinkedIn, erklärte gegenüber dem Portal TechCrunch: «Momentan können nur Influencer Videos hoch­laden, aber es ist wahrscheinlich, dass die Funk­tion auch andere Usergruppen nutzen dürfen. Wir sehen solche Dinge als wirksame Tools, damit Menschen erfolgreich an ihrer eigenen Marke ­bauen können.» Mit der Handy-Kamera Werbevideos für sich drehen ist aber genauso ein Risiko wie eine Chance und erfordert ein gewisses Mass an Vorbereitung und Professionalisierung. Das beste CV dürfte verblassen, wenn man ein schlecht gedrehtes Selfie-Video von sich hochlädt. Einen gewissen Pro­fessionalisierungbedarf sieht man auch bei den Influencern, die bisher filmen dürfen. Die meisten ­Experten füllen mit ihrem Gesicht das ganze Videofeld. Oft ist der Lichteinfall nicht gerade ­optimal, bei manchen ist die Ton­qualität schlecht. Aber vielleicht macht sich LinkedIn auch dieses Geschäft zu eigen: Mit dem Einsatz von Video­coaches, die sich auf die vielen Mit­glieder der Karrierenetzwerke stürzen, welche dringend ein halbwegs brauchbares Video von sich drehen wollen.

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