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Kompass
Zynische Lohnanalyse

 

Der Bundesrat will, dass Lohnanalysen für Firmen zur Pflicht werden. In der geplanten Form werden sie aber kaum für mehr Gleichheit bei den Löhnen sorgen.

Kommentar  
Von Stefan Mair
am 18.04.2016

Lohnanalysen haben eine erstaunliche Karriere hinter sich. Einst waren sie als Hilfsmittel politischer Propaganda verschrien: Etwa während des Abstimmungskampfes um die 1:12-Initiative, bei der spezielle Lohnanalyse-Apps lanciert wurden. Zuvor kämpften Lohnanalysten mit ihren Instrumenten um Anerkennung bezüglich ihrer Seriosität und Verlässlichkeit. So werden bei Weitem nicht alle Instrumente zur Lohnanalyse, die es in Firmen schon gibt, vom Bund als verlässlich anerkannt. Nun könnten Lohnanalysen und Lohnanalysten aber vor einem Boom stehen. Der Bundesrat will 10 000 Firmen in der Schweiz zwingen, Lohnanalysen durchzuführen, damit die Gehaltsunterschiede von Männern und Frauen endgültig beseitigt werden. Dieses Vorhaben bringt aber vor allem zwei Dinge: Arbeit ohne Ende für die wenigen Lohnanalysten in der Schweiz und die Gefahr schädlicher Fehlanreize. Warum das so ist, zeigt ein Blick auf die Anwendung der Analyseinstrumente.

Qualitative Analyse fehlt

Am wichtigsten ist dabei, zu verstehen, dass Lohnanalysten einen Unterschied zwischen "gerechtfertigter" und "nicht gerechtfertigter" Lohndiskriminierung machen. Sind Frauen in einer Firma beispielsweise insgesamt schlechter ausgebildet, oder bekleiden Positionen, die tiefer entlöhnt werden, sprechen Lohnanalysten von einer gerechtfertigten Diskriminierung. Zudem analysieren die Lohnanalysten alle Angaben von Mitarbeitern über Ausbildung, Betriebserfahrung, berufliche Position, Art der Tätigkeit. Auch der Arbeitsort spielt eine Rolle, wenn das Unternehmen in Regionen mit unterschiedlichen Lohnniveaus tätig ist, oder sogenannte Leistungsfaktoren, wenn also der Lohn leistungsabhängige Elemente enthält. Nach der umfangreichen Erhebung all dieser Faktoren werden mit statistischen Verfahren die Einflüsse aller dieser Merkmale auf den konkreten Lohn berechnet. Das ergibt dann die "bereinigte Lohnlücke". In seriösen Lohnanalysen folgen dann aber eine qualitative Analyse der Gründe für diese Lücke und strukturelle firmenspezifische Empfehlungen. Bei 10 000 Firmen und den wenigen anerkannten Analysten auf dem Markt ist diese vertiefte Analyse aber Utopie. Da bleibt es erst mal bei der heiligen Kuh "bereinigte Lohnlücke".

Perverser Fehlanreiz

Diese Lohnlücke dürfte für so manche Firma überraschend erfreulich ausfallen. So kommt es etwa beim System Logib, das vom Bund empfohlen wird, vor, dass Frauen nach der Analyse plötzlich erstaunlich gerecht entlöhnt werden - theoretisch natürlich. Beim deutschen Pumpenhersteller Flux etwa verschwand die Lohndiskriminierung von Frauen komplett. Nach der Gewichtung waren Frauen plötzlich um 1,8 Prozent besser bezahlt als Männer. Der Grund: Frauen arbeiteten vor allem in schlecht qualifizierten Positionen oder in Teilzeit. Ist eine Firma aber, wenn sie eine derart verkleinerte "bereinigte Lohnlücke" hat, ein Vorbild der Lohngerechtigkeit? Das Gegenteil ist der Fall. Diese isoliert betrachtete Lohnlücke, die nach Wunsch des Bundesrats als Futter für Lohnklagen dienen soll, stützt ohne tiefergehende Analyse die schlechte Lage, in der Frauen in manchen Firmen lohntechnisch sind.

Ohne firmenindividuelle Analysen, für die bei einer Pflicht für 10 000 Firmen die Ressourcen fehlen, stützen Lohnanalysen damit Probleme, die sie lösen sollen.

Denn es entstehen perverse Fehlanreize: Je mehr Frauen in Firmen in schlecht qualifizierten Teilzeitjobs gehalten und am Aufstieg gehindert werden, desto geringer wird die "bereinigte Lohnlücke" sein. Je mehr Teilzeitfrauen man beschäftigt, desto geringer ist die "bereinigte Lohnlücke". Je geringer die Analysten Anforderungen an Frauenjobs, etwa bei Teilzeit, gewichten, desto besser steht die Firma lohnlückentechnisch da. Das Ergebnis: Frauenjobs und Frauenkarrieren werden systematisch entwertet. Ohne firmenindividuelle Analysen, für die bei einer Pflicht für 10 000 Firmen die Ressourcen fehlen, stützen Lohnanalysen damit Probleme, die sie lösen sollen.

 

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