Vor dem Capital Markets Day der ABB am 4. Oktober laufen nochmal die Drähte heiss: Das ABB-Management spricht mit dem Verwaltungsrat, die Grossaktionäre tauschen sich untereinander aus. Und über die Medien teilen sich Management und Eigentümer gegenseitig mit, was sie für die beste Zukunftslösung für den Konzern halten.

Noch ist das Management – allen voran Ulrich Spiesshofer – bemüht, die Fassade zu wahren. Vollzogen wird vordergründig nur, was den eigenen Strategievorstellungen entspricht. Doch im Grunde steht fest, dass der Konzernchef ausführt, was ABB-Grossaktionär Cevian Capital von ihm verlangt: Der (schrittweise) Verkauf der Stromnetzsparte.

Konglomerat versus Abspaltung

Zur Disposition steht einerseits nach wie vor, das Konglomerat ABB in seiner aktuellen Form weitgehend zu bewahren. Andererseits gibt es die Pläne, wesentliche Konzernteile abzuspalten, auszulagern oder zu verkaufen – insbesondere die Sparte Stromnetze (Power Grids). Bekannt ist, dass ABB-Chef Ulrich Spiesshofer eher für die Einheit des Konzerns steht – und weniger für die Abspaltung der Stromnetzsparte. Letzteres wünschen sich einige Grossaktionäre, allen voran die schwedische Cevian Capital.

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Der neueste Vorschlag der schwedischen Investoren ist ein sogenannntes Asset Stripping der Stromnetzsparte von ABB: Nicht die gesamte Sparte auf einmal soll verkauft werden, sondern ein Bereich nach dem anderen. Die Summe der Erlöse bringt einen höheren Wert als der Verkauf in Bausch und Bogen. Offenbar ist der Vorschlag auf Gehör gestossen. Spiesshofer führt bereits aus, was Cevian sich wünscht: So hat er kürzlich das Kabelgeschäft an die dänische NKT für 934 Millionen Dollar verkauft.

Masterplan von Cevian

So läuft alles nach dem Masterplan von Cevian. Der Grossaktionär führt nach eigenen Analysen ein internes Ranking von den werthaltigsten Konzernteilen bis hin zu den vergleichsweise weniger werthaltigen Unternehmenseinheiten. Diese Liste kann quasi als Vorgabe für einen schrittweisen Verkauf der Sparte gelesen werden. Natürlich bestätigt Cevian eine solche Interpretation nicht.

Zu Cevians offiziellem Plan gehört hingegen die aktive Suche nach Käufern für die Stromnetzsparte – oder für Teile davon. Zu den potenziellen Käufern gehören gemäss gut informierten Kreisen Private-Equity-Firmen, ABB-Konkurrent Siemens und Chinas grösster Stromkonzern State Grid Corporation of China.

Wie die «Handelszeitung» am 22.9.2016 berichtete, hat es insbesondere die Hochspannungstechnologie von ABB den Chinesen angetan. Sie wollen sich damit das letzte Know-How holen, das sie brauchen, um auf dem weltweiten Stromversorgungsmarkt als Infrastrukturanbieter Marktführer zu werden.

Frage der Glaubwürdigkeit

Eingeklemmt zwischen den eigenen Strategievorstellungen und denen von Grossaktionär Cevian ringt Spiesshofer nun um seine Autonomie als Konzernchef und um seine Glaubwürdigkeit. Zwar muss er machen, was Verwaltungsrat und Aktionäre von ihm verlangen.

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Damit er das aber auch glaubwürdig vertreten kann, tritt er die Flucht nach vorne an: So habe das Management die Portfolio-Überprüfung aus freien Stücken initiiert, überprüfe unabhängig sämtliche Bereiche der Stromnetzsparte auf ihre Wirtschaftlichkeit und Sinnhaftigkeit im Konzernverbund. Und so weiter.

Den meisten Grossinvestoren der ABB ist es letztlich egal, in welcher Form die Ausgliederung der Stromnetzsparte erfolgt. Solange Spiesshofer mitmacht. Und bis jetzt tut er das.