Heben wir das Privateigentum auf und führen den Sozialismus ein? Oder riskieren wir eine Staatspleite? Wer Kommentare zur Altersvorsorge 2020 liest, wähnt sich auf direktem Weg in den Ruin. Man braucht fürwahr keinen Abschluss in Quantenphysik, um zu verstehen, dass das Parlament underperformte. Fast sechs Jahre hat man gestritten. Herausgekommen ist ein Paket, das bereits in zehn Jahren neu geschnürt werden muss. Ansonsten rutscht die AHV wieder in ein Milliardenloch.

Dennoch ist dieser Reformschritt richtig. Das Rentenalter der Frauen wird bei einem Ja angeglichen – und eliminiert eine Ungleichheit. Der PK-Mindestzinssatz sinkt – und stoppt die milliardenschwere Umverteilung von Jung zu Alt. Er bringt weiter eine Flexibilisierung des Rentenbezugs zwischen 62 und 70 Jahren – und kommt so einem Wunsch der Versicherten entgegen. Und die Reform ermöglicht ein rentenbildendes Weiterarbeiten über das Referenzalter hinaus.

Dass Kompromisse und Kompensation in einer direkten Demokratie notwendig sind, hat sich bei der Unternehmenssteuerreform III gezeigt. Ueli Maurers vernünftiges Reformpaket scheiterte, weil es von einer knappen Mehrheit als zu wirtschaftsfreundlich wahrgenommen wurde.

Die Politik verschliesst sich der Realität

Wahr ist aber auch: Seit zwanzig Jahren verschliesst sich die Politik von links bis rechts der finanziellen Realität. Wie wenn sich die Rentenleistungen bei ansteigenden Bezugsjahren und demografischer Schieflage aufrechterhalten liesse. Zu einer nachhaltigen Sanierung der AHV gehört die Erhöhung des Referenzalters auf 67 Jahre und eine Koppelung an die Lebenserwartung. Bei der Einführung der AHV lebten wir zwölf Jahre über das Pensionsalter hinaus, heute sind es 22 Jahre. Und mit jedem Jahrzehnt ist uns ein weiteres Lebensjahr geschenkt.

Dessen ungeachtet wird in Bern die Diskussion über eine Rentenalteranpassung partout verweigert. Hauptgrund dafür ist, dass sich früher ein paar Politiker - unter anderem Pascal Couchepin – die Finger mit der geforderten Erhöhung verbrannten.

Anzeige

Plan B birgt Risiken – und Kosten

Ja, dank Bersets Vorlage lässt sich auch im Pensionsalter rentenbildend weiterarbeiten. Doch auch dieser Schritt genügt nicht: Altersarbeit ist künftig viel radikaler steuerlich zu entlasten. Nur so setzen wir wirksame Anreize zur längeren Beschäftigung, nur so sprechen Firmen Ausbildungsinvestitionen für Arbeitnehmer jenseits der 55. Derartige Schritte würden nicht nur die AHV entlasten, sondern auch den Arbeitsmarkt, dem die Fachkräfte fehlen.

Die Alternative zur Vorlage («Plan B») sähe übrigens eine Aufteilung der Reform in drei Teilschritte vor. Einer davon wäre die Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent – mit Rentengarantie. Nur: Eine Senkung auf 6,4 Prozent hat das Stimmvolk 2010 mit Dreiviertelmehrheit abgeschmettert. Und die versprochene Rentengarantie käme ebenso teuer wie die jetzt vorgeschlagene Kompensation von 70 Franken.

Jeden Tag veröffentlicht die «Handelszeitung» in dieser Woche einen Kommentar zur anstehenden Abstimmung über die Altersvorsorge 2020. Mit dabei sind unter anderem der Ökonom und HZ-Kolumnist Reiner Eichenberger, SGB-Ökonom Daniel Lampart und Vorsorge-Experte Martin Janssen.