Gilt es, irgendwo einen subalternen Posten zu besetzen, wird im Idealfall ein klares Anforderungsprofil formuliert, ausgerichtet auf die gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen, die der Job mit sich bringt. Wenn es freilich um einen Chefposten in der Landesregierung geht, werden die Prioritäten etwas anders gesetzt. Dann sind nicht Kompetenz und Tauglichkeit gefragt, dann wird die Herkunft zum Kernkriterium für die Bundesratswahl vom 20. September erhoben.

Der Kandidat oder die Kandidatin müsse die lateinische Schweiz vertreten. So lautet das Leistungsprofil der Wirtschaftspartei FDP, die ihren Spitzenkandidaten sucht. Was so viel heisst: Der Kandidat, die Kandidatin fürs höchste Staatsamt muss aus der Südschweiz oder - noch präziser - aus dem Tessin stammen. Der Südkanton, so geht die Logik der Parteistrategen, sei schliesslich seit 1999 bundesratslos. Diesen Makel gilt es offenkundig zu korrigieren.

Es geht um den Kompass der Wirtschaftspolitik

Weshalb dies so sein soll, ist schwer nachvollziehbar. Es gibt viele Kantone, die seit 1999 keinen Vertreter in die Landesregierung abdelegieren durften. Der Kanton St. Gallen - bevölkerungsmässig vor dem Tessin gelegen - ist seit 1986 bundesratslos. Vier Kantone – Schwyz, Schaffhausen, Nidwalden, Jura – hatten noch nie einen Vertreter im Bundesrat.

Die aktuelle Debatte über die Herkunft der freisinnigen Kandidaten ist ein Leerlauf. Er zeigt bloss, dass hier mit Verve über Formales debattiert wird, aber nicht über den Inhalt – und die wahren Anforderungen ans Amt. Dabei ist die Ausgangslage äusserst brisant - gerade für die über 300’000 Firmen des Landes. Es geht nämlich um die künftige Ausrichtung der liberalen Partei – und mithin um den Kompass in der Wirtschaftspolitik.

Wichtigere Kriterien als Herkunft und Geschlecht

Unter dem Freisinnigen Didier Burkhalter war die Sache klar: Im Regelfall stimmte der Neuenburger links und verhalf so den Etatisten im Bundesrat zu einer knappen Mehrheit. Finanzen, Bürokratie, Regulierung, Energie, Lohnpolizei, Frauenquote, Bahnausbau – die beiden freisinnigen Parteikollegen Burkhalter und Schneider-Ammann stimmten regelmässig disparat und neutralisierten so ihre Stimmkraft. Oder die Aussenpolitik: Da hatte sich Burkhalter mit seinem irrwitzigen Plan der institutionellen Anbindung an die EU bereits vor Jahren ins Abseits manövriert.

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Statt über Herkunft und Geschlecht zu diskutieren, wäre in der Wirtschaftspartei eine klärende inhaltliche Debatte viel dringlicher. Wie soll der Wirtschaftsstandort gestärkt werden? Wie die Sozialwerke abgesichert? Wie die Staatsquote eingedämmt und die Subsidiarität gestärkt? Ob der nächste FDP-Repräsentant aus der Romandie oder aus dem Tessin stammt, ist bestenfalls zweitrangig. Und elektrisiert bloss das Politpersonal im Bundeshaus. Stattdessen muss die FDP jetzt Farbe bekennen: Will sie weiter lavieren und der Linken in die Hände spielen? Oder will sie eine klar liberal-bürgerliche Ausrichtung mit entsprechender Mehrheit im Bundesrat – so, wie dies dem Willen des Stimmvolks entspricht?