Der Sommer empfängt uns mit einer angenehmen Mischung aus guten Konjunkturnachrichten und schwachen Inflationszahlen. Was könnte es Schöneres geben, als mit dem wohligen Gefühl guter Wachstumsaussichten in die Ferien zu gehen? Der Aufschwung ist zwar schon recht alt, aber ein Ende ist nicht abzusehen.
 
Politisch können wir dagegen weniger beruhigt in die Zukunft blicken. Der G20-Gipfel hat uns wieder einmal vor Augen geführt, dass die führende Wirtschaftsnation im Grunde visions- und führungslos agiert.
 
Mit Bilateralismus werden die USA ihre Führungsrolle in der Welt nicht behaupten können. Von Russland bis China frohlocken die Potentaten. Wohl auch weil die grösste Supermacht der Welt durch das kleine Nordkorea wie ein Bär am Nasenring durch die weltpolitische Arena geführt wird. Weltpolitik macht man nur in Koalitionen mit anderen. Im Alleingang geht das nur in den feuchten Träumen des US-Präsidenten.
 

Grossbritannien droht eine Rezession

 
Vom Alleingang träumt auch in Europa so mancher. Die Briten beginnen den kalten Wind zu spüren, der ihnen vom Kontinent entgegen weht. Seit mehr als einem Jahr ist der EU-Austritt beschlossene Sache. Das Land hat keine Fortschritte inhaltlicher Natur bei der Gestaltung weder des Austritts noch der Beziehung zu Europa für die Zeit danach gemacht. Die Regierung hat ihre komfortable Mehrheit im Parlament verloren. Das Pfund ist schwach und die Inflation der Detailhandelspreise hat fast 4 Prozent erreicht. Als einziger Industrienation droht Grossbritannien das Abrutschen in eine Rezession.
 
Und hierzulande? Auch bei uns sind die vorlaufenden Indikatoren der Konjunktur gut. Wir profitieren vom starken Aufschwung in Europa. Trotz starkem Franken bleiben Beschäftigung und Wachstum auch im achten Jahr in Folge auf Spur. Politisch dagegen sind auch bei uns die Fragezeichen gross. Die vorgeschlagenen Wege in der AHV- und Unternehmenssteuerreform machen keinen Mut, dass die Schweiz mit einer vorwärts gerichteten Politik verloren gegangenes Terrain im Standortwettbewerb wieder gewinnen könnte.
 
Das Verhältnis zu Europa bleibt ungeklärt. Der Aussenminister verlässt frustriert sein Amt. Diejenigen, die ihm eine aussichtslose Verhandlungsposition beschert haben, treten sogar noch nach, er sei ein schwacher Minister gewesen.
 

Die Schweiz liegt in Europa - wirtschaftlich und kulturell

 
Was immer wir unter diesen Vorzeichen für einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin bekommen, spätestens bei den fremden Richtern scheint der bilaterale Weg sowieso an sein Ende zu kommen. Ein institutionelles Rahmenabkommen mit der EU wird es wohl angesichts der aufgeheizten Stimmungslage nicht geben. Zur Erinnerung: Die Schweiz liegt mitten in Europa. Unsere wirtschaftlichen Interessen aber auch unsere kulturellen Bande sind mit niemandem enger und wichtiger als mit unseren Nachbarn.
 
Wirtschaftlich sieht der Sommer also gut aus. Aber wie lange kann das gut gehen, wenn die Politik jegliche Orientierung verloren zu haben scheint?
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