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Meinung
Die Schweiz zahlt für fehlenden Vaterschaftsurlaub

Vater und Sohn: Eltern Zeit zu geben liegt im Interesse der Wirtschaft. Keystone

Vaterschaftsurlaub sei abzulehnen, um Firmen unnötige Kosten zu ersparen. So argumentiert Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Diese Denkweise kommt die Schweiz teuer zu stehen.

Kommentar  
Von Karen Merkel
am 01.11.2017

Als wäre das Nein zum Vaterschaftsurlaub ein Dienst an der Gemeinschaft. So mutete die Argumentation des Bundesrates an, als er kürzlich die entsprechende Volksinitiative ablehnte. So hat es Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann Anfang dieser Woche in einem Interview bekräftigt. Er sagte: «Wir verzichten auf einen Vaterschaftsurlaub, um Arbeitsplätze erhalten zu können.» Denn würden Schweizer Papas für zwei bis vier Wochen daheim die Kinder hüten, so der Ansatz, wären die Arbeitgeber organisatorisch überfordert, die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen würde geschwächt und das Wirtschaftswachstum der Schweiz gebremst.

Hätte Schneider-Ammann recht, es wäre beunruhigend. Die Schweizer Wirtschaft und ihre Unternehmen wären offenbar überaus fragil. Es ist also ein Glück, dass seine Argumentation nicht nur unlogisch ist, sondern falsch. Die Kosten für einen Vaterschaftsurlaub zu beziffern, ob 200 oder 400 Millionen Franken pro Jahr, ist nur die halbe Rechnung.

Zwei Ausnahmen weltweit – Chile und die Schweiz

Denn die Schweiz zahlt auch einen Preis dafür, dass sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weitestgehend zur Privatsache erklärt. Wenn Väter nicht zu Hause bleiben können, entstehen an anderer Stelle Kosten.

Einen dieser Kostenfaktoren beziffert die OECD in ihrem jährlichen Bildungsbericht. Darin kalkuliert die Organisation, wie sich die Bildungsausgaben eines Staates amortisieren. Ergebnis: Es lohnt sich für Länder weltweit, den Weg zur Hochqualifikation zu unterstützen. Auch wenn Bürger mit Matura und Studium aufgrund der langen Ausbildungszeiten spät in den Arbeitsmarkt einsteigen, bleibt für den Staat unter dem Strich ein Nettogewinn. Hochqualifizierte kosten viel in der Ausbildung, dafür verdienen sie später mehr, zahlen entsprechend mehr Steuern und sind seltener auf Transferleistungen angewiesen.

Das gilt in allen OECD-Staaten, mit zwei Ausnahmen: In Chile – und in der Schweiz. An gut ausgebildeten Männern verdient auch die Schweiz, 64'000 Dollar im Durchschnitt. Bei den Frauen aber zahlt die Schweiz 9000 Dollar in einem Berufsleben drauf. Frauen bilden die Mehrheit unter den Maturanten und Hochschulabsolventen – und sie holen das vom Staat investierte Geld nicht wieder rein.

Ökonomisch ineffizient

Andere Statistiken lassen vermuten warum: Auch hoch qualifizierte Frauen arbeiten in der Schweiz häufig Teilzeit und sie machen deutlich seltener Karriere als Männer. Vor allem die Familie bremst, spätestens das zweite Kind ist der Karrierekiller.

Es ist schlichtweg ökonomisch ineffizient, Frauen hervorragend auszubilden, sie dann aber nicht entsprechend ihrer Qualifikation zu beschäftigen. Vaterschaftsurlaub wäre darum ein wichtiger Schritt in Richtung Chancengleichheit auf dem Schweizer Arbeitsmarkt.

Es lohnt sich, wenn Staat und Arbeitgeber ihre Verantwortung wahrnehmen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Wenn Vater und Mutter eine reale Wahlfreiheit haben, wer wann wie viel zu Hause bleibt, steigen die Chancen, dass Eltern ihre Kinder aufziehen können, ohne dass die Hälfte der Hochqualifizierten dem Arbeitsmarkt verloren geht.

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