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Meinung
Keine Alternative zu freien Märkten

 

Trump schwang sich zum Fürsprecher der Skeptiker des Freihandels auf. Doch wir brauchen Fitnessgeräte, keine neuen Mauern und Sprüche gegen die Marktwirtschaft.

Kommentar  
Von Stefan Barmettler
am 01.02.2017

Marktwirtschaft und Freihandel haben es uns in der Vergangenheit einfach gemacht. Vielleicht zu einfach. Nach dem Kollaps der Mauer zum Osten – vor bald 30 Jahren war es – florierte der globale Güterverkehr und die Kapitalmärkte waren grenzenlos. Im Gegenzug entstanden weltweit eine Milliarde Arbeitsplätze, und der aggregierte Wohlstand erreichte historische Höchstwerte. Der entfesselte Kapitalismus, so schien es, hatte auf der ganzen Linie obsiegt. Getreu dem Skript von Francis Fukuyama glaubten wir an das «Ende der Geschichte».

Viel zu lange. 2016 begehrten in Amerika und in Europa  – drehbuchwidrig – die Massen auf. Sie verunsichern Politiker, bringen liberale Geister ins Grübeln und die Manager zum Verstummen. Weite Teile der Bevölkerung nehmen heute Begriffe wie Marktwirtschaft, Freihandel und technologischer Wandel als Schreckgespenster wahr.

Gefährlich ist der blinde Glaube 
an die Kraft der Märkte

Ausgerechnet ein Bling-Bling-Milliardär erhörte die Nöte und schwang sich zum Fürsprecher der Skeptiker auf. «Amerika, nicht die Globalisierung ist unser Credo», dröhnt es aus dem Weissen Haus. Was der Hausherr darunter versteht, zeichnet sich zwar erst in Umrissen ab, aber es lässt Liberale erschaudern. Trump verschreibt Pharmamanagern seine eigene Preispolitik, zeichnet Automobilbauern die Businesspläne vor, droht Industriekapitänen mit WTO-widrigen Strafzöllen und hält Rechtssicherheit für unnötiges Ornament. In seiner Welt ist der Freihandel für den industriellen Niedergang von Volkswirtschaften verantwortlich.

Klar, das Nafta-Vertragswerk, das Trumps Parteigänger Ronald Reagan und George W. Bush vor 20 Jahren aushandelten, ist ein Bürokratiemonster – allein die Fussnoten füllen 619 Seiten. Der Accord ist in die Jahre gekommen und durch das Prinzip des globalen Sourcing  längst überholt. Die Alternative freilich kann nicht sein, Mauern hochzuziehen, Länder auszusperren und gestandene Manager zu Laufbuben zu degradieren.

Das Problem sind nicht Freihandel, nicht Mexikaner und Muslime, nicht die Digitalisierung. Es ist der blinde Glaube an die Kraft der Märkte, der sich seit dem Zusammenbruch des Kommunismus durchgesetzt hat. Es ist der Erfolg, der neben vielen Gewinnern auch für Verlierer sorgt. Zu ihrem Wohl müssen Handelsbeziehungen und Arbeitsmärkte bewirtschaftet werden. Im Kleinen zeigt sich dies im Freihandelsabkommen zwischen China und der Schweiz: Im gemischten Ausschuss wird regelmässig die Renitenz chinesischer Zöllner adressiert und um Verbesserung gerungen. Es ist ein mühseliger, aber notwendiger Weg zu mehr Fair Trade.

Wir brauchen Fitness-Geräte,
 keine Mauern

Die chronische Finanzkrise schliesslich hat die Wohlstandverteilung auf die Agenda gesetzt. Wenn die Mitte jahrelang stagniert und bloss die Spitze profitiert, wird das Leistungsprimat ad absurdum geführt. Hier muss die Fiskalpolitk für mehr Ausgleich sorgen. Vor allem aber stehen Staat und Wirtschaft in der Verantwortung, die Zunahme unqualifizierter Arbeitnehmer ins Gegenteil zu verkehren. Allein in den USA ist der Anteil der «low skilled» letztes Jahr auf 20 Prozent angewachsen. Deren Fähigkeiten sind veraltet, ihre Jobs längst nach China, Indien oder Vietnam ausgelagert. Wer aber im Norden zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen will, der muss nicht Strafzölle einführen, sondern Aus- und Weiterbildung forcieren, durch Steueranreize und Qualifizierungsangebote, die zahlbar sind. Einer der Erfolge der Schweiz liegt eben darin, dass eine Heerschar von Fachhochschul-Absolventen permanent dafür sorgen, dass neuste Technologien rasch in die Unternehmen diffundieren und so Innovationskraft und Produktivität erhalten bleiben.

IWF-Chefökonom Maurice Obstfeld nennt diese  Mehtoden «Trampolin-Politik». Wie Recht er hat: Wir brauchen Fitnessgeräte, keine neuen Mauern und keine Sprüche gegen die Marktwirtschaft.

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