Stolz verkündete Raiffeisen-Chef Patrik Gisel am Mittwoch das Halbjahresergebnis. Erstmals verdiente die Bankengruppe mehr als 400 Millionen Franken. Wachsende Erträge vermochten mit den Kosten mitzuhalten. Bei Notenstein La Roche scheinen die Sanierungsmassnahmen zu greifen, auch wenn noch unklar ist, woher künftig das Geschäft kommt.

Doch die Bilanz hat einen Schönheitsfehler: Sie bildet die Risiken nicht richtig ab, die Raiffeisen im Hypothekarmarkt aufbaut. Dort ist die Bank wie kaum ein Schweizer Institut auf Expansionskurs. Gisel rechnet für 2017 mit einem Plus von vier Prozent – und einmal mehr mit einer Ausweitung des Marktanteils. Längst haben die Genossenschafter die Grossbank UBS als Platzhirsch abgelöst. Fast jeder fünfte Hypothekarfranken stammt von Raiffeisen.

In einem überhitzten Markt sind Wachstums-Ambitionen gefährlich

Imposant ist der Blick in die jüngere Vergangenheit. Seit Mai 2010 hat Raiffeisen das Geschäft mit den Hypotheken um 50 Prozent ausgebaut. Die restlichen Banken sind in dieser Zeit nur um 28 Prozent gewachsen. Gisel betont gerne, Wachstum per se sei ein «Anreiz» für die Bank. «Eine Retailbank muss eine Wachstums-Ambition haben, sonst wird sie müde.» Das mag seine Logik haben. In einem überhitzten Markt jedoch ist die Aussage brandgefährlich. Man erinnere sich an den amerikanischen Hypothekarmarkt, der vor zehn Jahren kollabierte und die Finanzkrise begründete.

Die Risiken im Schweizer Hypothekarmarkt sind keineswegs gering. Seit langem bewegt sich der Blasen-Index der UBS unverändert im Risiko-Bereich. Dort, wo er zuletzt vor dem Immobilien-Crash der Neunzigerjahre gestanden hätte. Die Spekulation mit Immobilien hat zugenommen. Noch immer investieren private und institutionelle Investoren in Renditeliegenschaften, obwohl die Renditen tief sind und der Leerstand zunimmt. Die UBS als zweitgrösste Hypothekarbank spricht schon seit längerem Klartext. Sie empfielt offen, Immobilien abzustossen, wenn in den entsprechenden Gebieten weiter gebaut wird. Doch wann immer die Ökonomen der Grossbank warnen, kommt aus St. Gallen die Widerrede. Dort will man keine Probleme sehen.

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Raiffeisen ist auch ein Risiko für die ganze Schweiz

In erster Linie ist das ein Problem für die Raiffeisen-Gruppe. Mit Mühe und Not hat sie in den vergangenen Jahren ihr Kapital so stark ausgebaut, dass es den verschärften Anforderungen genügt. Einzelne Banken im Genossenschafts-Verbund wären allerdings wohl unterfinanziert, hätten sie nicht die Solidarhaftung der anderen im Rücken.

Doch Raiffeisen ist auch ein Problem für die Schweiz. Die Bank ist systemrelevant. An ihr hängt – vor allem in ländlichen Gebieten – die Kreditversorgung. Anders als die UBS besteht Raiffeisen aus einem Netz halb-autonomer Banken. Keiner weiss, wie eine Rettung ablaufen würde, wäre sie nötig. Es ist gut, hat die Finanzmarktaufsicht einen kritischen Blick auf die Gruppe. Besser wäre, der Blick des eigenen Verwaltungsrats würde etwas kritischer.