Ein Sommerausflug nach Sintra brachte der Schweiz die langersehnte Erleichterung. Alle Zeichen stünden auf Erholung, sagte Mario Draghi Ende Juni in der portugiesischen Kleinstadt bei Lissabon. Deflation sei an den Märkten kein Thema. Wiederholungstäter Draghi nutzte damit einmal mehr die Konferenzbühne, um Investoren eine Botschaft der Stärke auf den Weg zu geben.
 
Bekannte er sich vor fünf Jahren in London mit seinem berühmten «Whatever it takes» zum Fortbestand des Euro, wähnt er Europa nun vor dem Comeback. Schnell setzte sich an den Märkten die Überzeugung durch, die Europäische Zentralbank (EZB) könnte die geldpolitischen Zügel bald straffen. Der Euro wertete in der Folge stetig auf - zum Wohle der exportorientierten Schweizer Wirtschaft: Die Gemeinschaftswährung kostete in dieser Woche erstmals seit fast einem Jahr mehr als 1.10 Franken.
 

Wirtschaftliche und politische Unsicherheit vorerst gebannt

Tatsächlich stehen die Chancen in diesem Sommer gut wie nie, die inzwischen über sieben Jahre währende Euro-Krise endlich hinter sich zu lassen. Eine Vielzahl an Umfragen und Frühindikatoren deutet auf eine kräftige Konjunkturbelebung, die nicht nur den Norden des Kontinents erfasst hat: Selbst in Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland wächst die Wirtschaft.
 
Zeitgleich scheinen auch die politischen Gefahren vorerst gebannt: Nach den Wahlerfolgen von Emmanuel Macron in Frankreich und seinem Bekenntnis zu Reformen scheint der Weg frei für eine engere Zusammenarbeit mit Berlin. Ziehen die beiden Euro-Schwergewichte bei entscheidenden Themen wie der geplanten Bankenunion und einem gemeinsamen Budget an einem Strang, wird das auf dem ganzen Kontinent ein pro-europäisches Momentum erzeugen. Selbst vor den Anfang 2018 anstehenden Wahlen in Italien müsste dann niemandem mehr bange sein. Auch wenn diese als Lackmustest für die Euro-Zone gelten.
 
Die Schweizer Industrie kann also zu Recht auf einen schwächeren Franken hoffen. Die Währungsexperten der UBS etwa sehen den Euro bis Jahresende bei etwa 1.14 Franken.
 

Deutet die SNB eine Kehrtwende an, wertet der Franken schlagartig auf

Darauf hofft auch die Schweizerische Nationalbank (SNB), die sich heute mit drei Problemen konfrontiert sieht: Der Franken ist noch immer zu stark, die eigene Bilanzsumme hoch. Zudem bereitet das Experiment Negativzinsen Kopfzerbrechen. Der Mannschaft um Präsident Thomas Jordan dürfte viel daran gelegen sein, dieses Spannungsfeld bald hinter sich zu lassen.
 
Doch Vorsicht: Eile ist fehl am Platz. Erst muss sich die Frankenabwertung als nachhaltig erweisen, bevor die SNB eine Normalisierung der geldpolitischen Verhältnisse ins Auge fassen kann. Sie kann nichts erzwingen, nur auf Linderung hoffen.
 
Deutet Jordan auch nur vage eine Kehrtwende an, wertet der Franken schlagartig auf. Das weiss die SNB ganz genau: Ihre Exponenten gehören zu den rhetorischen Profis ihrer Zunft.
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