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Startup
Gründergeist in Odessa

 

Die krisengeschüttelte Ukraine verbinden wir meist nicht mit innovativen Startups. In Odessa gibt es aber einige Überraschungen.

Kommentar  
Von Oliver Flueckiger
am 22.06.2016

Ausserhalb der EU war vor einigen Jahren vor allem die Ukraine als Outsourcing-Standort sehr beliebt. Beim Startup Rayneer  haben wir 2011 eine Version unserer iOS-App in Kiew entwickeln lassen, die Zusammenarbeit aber schnell wieder beendet; connex.io, das damalige Startup von meinem Freund Marcus Kuhn, hatte gleich das ganze Entwicklerteam in der Ukraine.

Kürzlich war ich für einen verlängerten Wochenendtrip in Odessa, einer wunderschönen Stadt am Schwarzen Meer. Odessa ist die drittgrösste Stadt der Ukraine, hat einen bedeutenden Hafen und ist das kulturelle Zentrum des Landes. Die Mehrheit der Einwohner Odessas spricht russisch, junge Leute verstehen meistens ordentlich bis sehr gut englisch, ältere Personen können sich aber meistens nur auf ukrainisch oder russisch verständigen. Praktisch in der ganzen Stadt ist ein kostenloses, werbefinanziertes, aber sehr stabiles Wifi verfügbar.

Lebhafte Startupszene in Odessa

Etwa 6.000 Menschen arbeiten in Odessa bei rund 150 IT-Firmen. Derzeit gibt es zwei Coworking Spaces: Den Impact Hub und das Terminal42; ich habe mich für letzteren entschieden, um einen Tag zu arbeiten. Eine Tagesmitgliedschaft kostet umgerechnet etwa 4 US-Dollar, ist für unsere Verhältnisse also sehr günstig. Terminal42 liegt mitten in der Innenstadt, ist modern eingerichtet und bietet neben vielen grosszügigen Arbeitsplätzen auch ein eigenes Café und einen Bereich für Veranstaltungen.

Kontakte zur lokalen Startupszene waren schnell geknüpft, und spontan haben wir beschlossen, ein Meetup durchzuführen, bei dem ich über meine Startup-Erfahrungen in der Schweiz referiert habe. Im Anschluss haben einige ukrainische Startups gepitcht und erzählt, wie sie Entrepreneurship in Odessa leben.

Hohe Risikobereitschaft - tiefe Gehälter

Die Startupszene habe ich als sehr lebhaft erlebt: Die meisten Entrepreneure waren  kontaktfreudig, wollten Wissen und Erfahrungen austauschen und waren sehr hilfsbereit. Die Ausbildung in der Ukraine ist sehr gut, deshalb gibt es viele talentierte Entwickler, die sich an Startup-Ideen versuchen. Hinzu kommen die für europäische Massstäbe sehr tiefen Gehälter: Verlieren kann man nicht viel, gewinnen aber schon. Die Risikobereitschaft ist also entsprechend hoch.

BalMuMu: Die Selfie-App

Beim Meetup habe ich Sergey kennengelernt, der an BalMuMu arbeitet; einer Selfie-App, die Stars ins Bild einfügt. Konkret wählt man eine prominente Person aus, mit der man gerne auf einem Selfie wäre, drückt ab, und BalMuMu erstellt automatisch eine realistische Fotomontage. Auf den ersten Blick wirkt die Idee vielleicht nicht revolutionär, doch beim gegenwärtigen Selfieboom könnte das Konzept erfolgreich sein. Sergey sieht als Geschäftsmodell In-App-Purchases (B2C) und Lizenzierung der Technologie für B2B vor. Ich kann mir gut vorstellen, dass BalMuMu genau das Richtige für eine grossangelegte Kampagne, ähnlich wie sie Swisscom vor einiger Zeit mit Bryan Adams durchgeführt hat, sein könnte.

Misha: Der News Audio Reader

Karina, die bei Yandex unter anderem als Startup Coordinator gearbeitet hat, testet mit Misha gerade eine App, die auf Knopfdruck News mit künstlicher Stimme vorliest. Als Quelle stehen verschiedene englisch- und russischsprachige Medien zur Verfügung. Spannend finde ich, wie Karina und ihr Co-Founder konsequent aus Usersicht denken und die App auf den Nachrichtenkonsum während Aktivitäten wie Autofahren oder Joggen ausrichten, bei denen man das Handy nicht bequem bedienen kann. In der ersten Version war eine Sprachsteuerung integriert, Tests haben allerdings gezeigt, dass diese nicht genutzt wurde. Es ist interessant zu beobachten, wie sich Misha weiterentwickeln wird.

Kaznachey:  Das ukrainische PayPal

Da PayPal in der Ukraine lange nicht verfügbar war und nach wie vor nur eingeschränkt nutzbar ist, hat Yaroslav das ukrainische Pendant Kaznachey (Казначей, auf deutsch Schatzmeister) entwickelt. Das bootgestrappte Startup ermöglicht einfaches Payment für Websites und Mobile. Durch die konsequente Ausrichtung auf den ukrainischen Markt ist das Startup mittlerweile sehr erfolgreich. Yaroslav musste erfahren, dass ukrainische Investoren noch nicht verstanden haben, was ein Startup überhaupt ist. Die ersten Investmentangebote, die er bei der Gründung vor sechs Jahren erhalten hat, waren ziemlich unfair: Die Mehrheit der Shares sollte bei den Investoren sein, das komplette Risiko beim Gründer. Nach einigen Versuchen hat er sich dann schliesslich entschieden, die Firma zu bootstrappen – rückblickend eine weise Entscheidung.

 

In diesem Herbst findet zum zweiten Mal der Black Sea Summit statt. Anastasia und ihr Team wollen Techies und Entrepreneure aus ganz Europa ans Schwarze Meer holen, um den Austausch zwischen West- und Osteuropa zu verbessern. Die Teilnehmer sollen sich auf drei Stages und mehreren Networkingveranstaltungen gegenseitig inspirieren, man soll voneinander lernen und Erfahrungen austauschen. Der diesjährige Summit findet am 9. und 10. September 2016 in Odessa statt. Aus westlicher Entrepreneursicht hat Odessa einige Vorteile zu bieten: Die Infrastruktur ist überdurchschnittlich gut ausgebaut, die Developer sehr gut ausgebildet, die jungen Entwickler sprechen perfekt englisch, die Einreise ist ohne Visum problemlos möglich, die Stadt ist mit Ukraine International Airways innerhalb von einem halben Tag erreichbar, das Essen hervorragend und die Kosten sind unschlagbar tief.

Vertrauensperson vor Ort

An unserem spontanen Meetup ergab sich eine spannende Diskussion über die richtige Konfiguration, sollte man Odessa denn als Standort für sein Startup in Betracht zu ziehen. Schnell war klar: Jemand, der nicht fliessend russisch oder ukrainisch spricht und nicht weiss, wie man sich im Umgang mit staatlichen Stellen richtig verhält, stösst wahrscheinlich schnell an Grenzen. Deshalb ist es bestimmt sinnvoller, vor Ort eine Vertrauensperson zu finden, die den technischen Lead übernimmt und das lokale Management übernimmt. Ich persönlich bin kein Freund von komplettem Outsourcing des Hauptassets eines Startups, aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Zusammenarbeit mit einem Co-Founder aus Odessa gut funktionieren könnte. Viele Startups haben heutzutage sowieso mehrere Standorte, und meiner Meinung nach spricht wenig gegen, aber einiges für Odessa als Standort für die Entwicklung.

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