Gespräche, die so beginnen, enden selten gut – meistens wird mindestens einer verletzt. Ich versuche es trotzdem.

Liebes Zürich, du bist eine der schönsten Städte der Welt und die Lebensqualität ist sehr hoch. Wo sonst sind die Alpen so nah und man kann mitten in der Stadt in einem See schwimmen? Die besten Naherholungsgebiete liegen unmittelbar vor der Haustüre. Der Traum eines jeden Entrepreneurs! Du bist verhältnismässig reich und sauber. In San Francisco sitzen an jeder Strassenecke Obdachlose, welche teilweise in sehr bedenklichem Zustand sind, und auch in Berlin gibt es durchaus ungemütliche Ecken. In Zürich hingegen kann man sich mitten in der Nacht überall gefahrlos bewegen.

Die Infrastruktur in Zürich ist so gut ausgebaut wie praktisch nirgendwo sonst. Anders als in Deutschland fahren die Züge pünktlich, mit Tram und Bus kommt man in kurzer Zeit überall hin, und selbst mit dem Fahrrad ist man schnell unterwegs. Klar, die Mieten sind vergleichsweise hoch, aber das sind sie hier in der San Francisco Bay Area auch. Mit einem Unterschied: Während die Apartments in der Bay Area klein und aus Holz gebaut sind, bekommt man in Zürich fürs Geld eine richtig gute Wohnung. Und schon nur ein paar Kilometer ausserhalb sind die Mieten deutlich günstiger, und auch aus Dietikon oder Schlieren gelangt man mit der S-Bahn innert Minuten in die City.

Eigentlich hast du alle Voraussetzungen, liebes Zürich...

Internet ist in Zürich so schnell und stabil wie in wenigen anderen Städten. Wir haben zwar kein öffentliches kostenloses Wifi wie beispielsweise Odessa, dafür ist Gigabit-Glasfaser beinahe in jedem Haushalt verfügbar. In San Francisco bezahlt man für einen Zehntel der Geschwindigkeit mehr. Nicht nur die Infrastruktur ist stabil, sondern auch die Demokratie. Klar, auch wir haben Politiker, die bewusst das Erfolgsmodell Schweiz aufs Spiel setzen, aber vor einem Donald Trump brauchen wir uns nicht zu fürchten. Eigentlich wären das perfekte Voraussetzungen für Investments.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Du Dich auf dem Erreichten ausruhst. Du brauchst Dich nicht hübsch zu machen für Entrepreneure und Innovation, schliesslich  hast Du ja bereits alles erreicht. Regelmässig wird die Schweiz zu einem der innovativsten Länder der Welt gekürt – warum solltest Du da noch versuchen, Startups anzuziehen? Die sind doch sowieso viel zu klein für Dich, Grossunternehmen sind viel attraktiver, nicht? Warum solltest Du Dich zum Beispiel um Fintech-Startups kümmern, wenn Deine Banken eh viel mehr Geld haben? Was Du dabei leider verkennst: Die kleinen Startups von heute sind die wichtigen Arbeitgeber von morgen. Pass bitte auf, dass Du Deine Zukunft nicht leichtfertig verspielst!

...aber man verzweifelt an deiner Bürokratie

Mit der ETH zieht eine der weltbesten Hochschulen hervorragende Talente an. Viele davon würden nach dem Abschluss ihrer Studien gerne hier ein Unternehmen gründen, leider dürfen sie aber nicht in der Schweiz bleiben, nachdem das Studentenvisum abgelaufen ist. Hier in Kalifornien erhalten Studienabgänger ein mindestens einjähriges Arbeitsvisum – schliesslich will man die gut ausgebildeten Leute im Land behalten, sie sollen zur Wirtschaft beitragen. Solche Modelle finden aber wohl im aktuellen politischen Klima in der Schweiz keine Mehrheit.

Wer schon einmal versucht hat, Entwickler aus Nicht-EFTA-Ländern anzustellen, verzweifelt an Deiner Bürokratie. Du hast Dir entsprechende Vorstösse aus der Startup-Szene zwar angehört, aber passiert ist nichts. Hinzu kommt, dass neuerdings die genauen Arbeitszeiten von allen Mitarbeitenden erfasst werden müssen. Als ob das bei Startup-Angestellten so einfach wäre – flexible Arbeitszeiten und -bedingungen sind ein wichtiges Argument im War for Talents.

Dass Du es zulässt, dass das Kantonale Steueramt seine Praxis bei der Besteuerung von Startups praktisch über Nacht geändert hat, ist schlicht und einfach unverantwortlich. Damit zwingst Du jeden Entrepreneur, der ein ambitioniertes Startup gründen will, entweder in einen anderen Kanton oder gleich ins Ausland zu ziehen. Momentan gibt es Anzeichen dafür, dass Du zur Besinnung kommst und die Praxis wieder der Realität anpasst. Hoffentlich ist es dann nicht zu spät: Viele erfolgreiche Gründer ziehen in diesen Tagen ins Ausland.

Allzu viel Zeit bleibt dir nicht mehr...

In der Startup- und Digitalszene wird viel geredet, das ist super. Leider jedoch fehlt es der – meiner Meinung nach dringenden – Metadiskussion an Breite. Wer Deine Player oder Initiativen kritisiert, wird von Dir als trötzelnder Bub abgetan, anstatt dass Du die Kritik ernst nimmst und Dich verbesserst. Das ist sicher auch ein Grund, weshalb es in Zürich noch immer kein ernstzunehmendes Startup-Medium gibt. Eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Entrepreneurs wäre doch, aus Fehlern zu lernen und Kritik ernst zu nehmen.

Allzu viel Zeit bleibt Dir nicht mehr, wenn Du willst, dass der Zug für Dich nicht endgültig abfährt. Deshalb meine Bitte an Dich: Pack die drängenden Probleme jetzt an!


Sorge dafür, dass Du Deine wild gewordenen Steuerbeamten in den Griff kriegst und Dich für Startupper wieder ein bisschen attraktiver machst.

Setze Dich dafür ein, dass nicht nur Google und andere Grossunternehmen Zugang zu ausländischen Talenten haben, sondern ermögliche auch Startups fairen Zugang zu Arbeitskontingenten. Bilde die besten Leute nicht nur aus, sondern lass sie danach auch bei Dir arbeiten.

Grenze die Bürokratie ein: Keine Arbeitszeiterfassung für Startups und schnellere Firmengründungen bzw. Kapitalerhöhungen.

Unterstütze Standortinitiativen wie Digital Zurich 2025 ernsthaft. Berlin beispielsweise informiert Londoner Startups seit dem Brexit aktiv über die Möglichkeiten in der deutschen Hauptstadt – und Du bist Dir zu bequem dafür?

Unternehmer wollen etwas erreichen und nicht gegen Windmühlen kämpfen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ziehst Du die besten Entrepreneure an und aus Dir wird doch noch eine prosperierende Startupstadt. Viel bräuchte es dafür nicht. Du musst nur die Weichen rechtzeitig stellen: Jetzt.

Dann wird es vielleicht mit uns beiden doch noch etwas.

 

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