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Piloten, die am Boden bleiben

In Kalifornien gibt es einen der ersten Drohnen-Studiengänge der Welt. Was lernen die Studenten dort?

Kommentar  
Von Lucas Negroni
am 07.07.2016

Blinkend und surrend schwebt die Drohne durch den Flugzeughangar, mit geschmei­digen Bewegungen weicht sie Betonpfeilern und Paletten aus. Zufrieden beobachtet Brock Christoval seinen Schüler, der das Gerät mit höchster Konzentration steuert. Mit den Daumen kontrolliert er die Bewegungen der Drohne. Auf einem Bildschirm in der Fern­bedienung sieht er ihren Flug aus der Ich-Perspektive. Ein bisschen wirkt es so, als beobachte man Erwachsene beim ­Spielen. Doch für die beiden Männer im Flugzeughangar im Osten von Los Angeles sind Drohnen weit mehr. Christoval sagt: «Ich glaube, dass sie das nächste grosse Ding in der Wirtschaft sein werden.»

An der California State Polytechnic University in der Stadt Pomona unter­richtet er Studenten wie Aaron Vander­galien in allem, was mit Drohnen zusammenhängt. Christoval hat den Kurs an der Uni mitbegründet; im Oktober 2015 hat die Fakultät den ersten Lehrgang an den Start gebracht. Nach einer Schätzung der amerika­nischen Luftfahrtbehörde FAA tragen Drohnen zwischen 2015 und 2025 einen Beitrag von 82,1 Milliarden Dollar zur ­US-Wirtschaft bei. Prognosen der FAA ­gehen davon aus, dass in diesem Zeitraum rund 100 000 neue Arbeitsplätze im Zusammenhang mit Drohnen entstehen werden. Allein im Verwaltungsbezirk von Los Angeles arbeiten schon heute 53 Personen als Drohnenpiloten, im Schnitt kommen sie auf ein Jahresgehalt von 67 000 Dollar.

Erfolgreiche Absolventen

Auch in der Schweiz sausen immer mehr Drohnen durch die Lüfte – und ­Firmen überlegen sich, wie sie die Technik für sich nutzen können. Vor allem wollen kleinere Firmen nicht von Amazon und Co. abgehängt werden, die bereits viel Geld in Experimente mit Drohnen investiert haben. Der Studiengang an der Uni in Pomona ist noch relativ jung, bislang haben ihn drei Klassen absolviert. Einige der ehe­maligen Studenten hätten im Anschluss Berufe in der Drohnenindustrie angenommen. Ein Absolvent sei mittlerweile beim marktführenden Drohnenhersteller DJI angestellt, ein weiterer gebe sein ­Wissen als Dozent an der Uni weiter.

Das sind berufliche Perspektiven, von denen Aaron Vandergalien derzeit noch träumt. Heute ist sein letzter Kurstag, die Flugstunde im Hangar ist der Abschluss des sechswöchigen Programms, für das er seine Heimatstadt in Wisconsin verlassen hat. Als er im Mai in sein Auto stieg und sich auf den Weg ins rund 2000 Meilen entfernte Pomona machte, erhoffte er sich eine richtungsweisende Erfahrung für seine berufliche Zukunft. Heute sagt er: «Ich hab mich in die Drohnen verliebt, möchte mit ihnen arbeiten und davon leben!» Im Kurs für UAV (Unmanned Aerial ­Vehicle, zu Deutsch: Unbemanntes Luftfahrzeug) wurde er über fünf Wochen lang von Brock Christoval immer samstags acht Stunden lang in einem der Seminarräume geschult. Er sagt: «Wir bringen den Studenten mehr bei als nur das Wissen, das man braucht, um eine Drohne zu fliegen.» Schliesslich gebe es später nicht nur Stellen für Piloten, sondern auch für Programmierer, Beobachter oder Unternehmer.

Bedeutung der Drohne steigt

Besonders wichtig sei ihm, dass die Ab­solventen die Fähigkeit erwerben, Trends in Wirtschaft und Forschung früh zu ­erkennen und sie für sich zu nutzen ­wissen. Christoval, der ein Ingenieur­diplom in Luft- und Raumfahrttechnik hat und in der Vergangenheit als Chefprogrammierer für das Drohnenprogramm des US-Verteidigungsministeriums gearbeitet hat, glaubt, dass der Trend auf lange Sicht in Richtung Vielflieger geht. Genauer: In ­Zukunft werde seiner Meinung nach ein Pilot mehrere Drohnen programmieren, die dann in Eigenregie Aufgaben erledigen werden. Am sechsten Tag des Kurses übt Christoval mit den ­Studenten «stick time» im Hangar. Er sagt: «Jetzt geht es darum, ein Gefühl für die Fernbedienung zu entwickeln und mit dem Autopiloten umgehen zu lernen.»

Vandergalien hat bereits vorher Erfahrung mit dem Fliegen von Drohnen gesammelt. Ohne anzuecken, steuert er das Fluggerät durch die Halle, in der normalerweise ­Sicherheitstrainings der Flughafenpolizei stattfinden. Christoval sieht einen der grössten Wachstumsmärkte für Drohnen momentan in der Filmindustrie. «Wir ­befinden uns in Los Angeles in einer der Brutstätten für Innovation im Filmbereich», sagt er. «Drohnen werden immer mehr für Aufnahmen gebraucht, die man mit einer Handkamera oder einem ­Helikopter nicht machen kann.» Doch Drohnen werden nicht nur in der Unterhaltungsindustrie eingesetzt: Postzusteller oder Internetversandhändler wollen die Technik nutzen, um Briefe oder Waren auszuliefern. UPS und Amazon ­haben bereits Versuche mit Drohnen gestartet.

Radikale Änderungen

Auch in Krisenregionen sollen sie zukünftig Medikamente und Blutkon­serven an Bedürftige bringen. Auch Strafverfolgungsbehörden nutzen Drohnen zur Luftraumüberwachung und spüren mithilfe von Wärmebildkameras Straftäter in der Dunkelheit aus der Luft auf. Bedeutung der Drohne steigt Japan hatte bereits in den 1990er-­Jahren den Nutzen der kleinen Flieger erkannt. Schon damals setzten Reisbauern Drohnen ein, um Pflanzenschutzmittel zu versprühen. Heute bringen Landwirte weltweit Saatgut mithilfe von Drohnen aus, Luftaufnahmen geben ihnen Aufschluss über den Zustand der Böden und den Reifegrad der Ernte.

Charlene Ashton, Leiterin der Fakultät, glaubt, dass Drohnen unser Leben radikal verändern werden: «Ich denke, sie werden eine ähnliche Auswirkung auf unseren ­Alltag haben wie Handys.» Sie glaubt, dass Drohnen in Zukunft Waren- und Personenverkehr beeinflussen werden. «Drohnen können alles, was Flugzeuge auch können.» Sie kritisiert, dass der Nutzen der Technologie teilweise noch nicht ­ausreichend anerkannt werde. «Mit der Zeit wird sich die öffentliche Meinung aber ändern und die Leute werden erkennen, dass Drohnen aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind.»

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