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Deutsche Bank
Diffuse Zukunft

Christian Sewing, CEO Deutsche Bank
Schafft Christian Sewing, der neue CEO der Deutschen Bank, die Wende? Quelle: Getty Images

Nach dem dritten Verlustjahr in Folge hat der Aufsichtsrat der Deutschen Bank den dritten Chef in sechs Jahren ernannt. Der neue CEO Christian Sewing ist ein Eigengewächs, ob ein Strategiewechsel erfolgt, bleibt abzuwarten.

Von Karl-Heinz Goedeckemeyer
am 16.05.2018

Die ersten Aussagen von Sewing deuten nicht auf grosse strategische Veränderungen hin, sondern auf eine weitere Fokussierung auf die Kosten und auf die richtigen Strukturen, heisst es in einer Analyse der UBS. Einiggehend mit dem Grossteil der Investorenschaft erwarten auch die UBS-Analysten einen weiteren Anpassungsbedarf, insbesondere im Investmentbanking. Nachdem der 2017er-Jahresabschluss von einem Verlust von 497 Millionen Euro auf minus 735 Millionen Euro korrigiert worden ist und die Bank trotzdem 2,3 Milliarden Euro an Boni ausschüttete, mehren sich die Zweifel daran, ob die ramponierte Bank noch einmal die Kurve bekommen wird.

 

Wirkungslos, aber unangreifbar: Aufsichtsratschef

Dass die Bank trotz der vielen Wechsel an der Konzernspitze in den letzten sechs Jahren strategisch nicht zur Ruhe gekommen ist, liegt nicht nur am glücklosen John Cryan, sondern auch am umstrittenen Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Zur dilettantischen Suche nach dem neuen Vorstandschef hinzu kommt – Sewing war offenbar nicht die erste Wahl –, dass es Achleitner in seinen sechs Jahren als Aufsichtsratschef nicht gelungen ist, das Institut zehn Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise strategisch neu aufzustellen. Statt die Führungskrise der Bank zeitnah zu beenden, verzögerte Achleitner die Suche, indem er sich von diversen Bankern eine Absage einholte. Der Stuhl war offenbar vielen in der Branche zu heiss. Dass Achleitner vornehmlich darauf setzt, seine eigene Position zu sichern, zeigt sich auch daran, dass er einen Gefolgsmann aus alten Goldman-Sachs-Zeiten in den Aufsichtsrat holen will, den früheren Merrill-Lynch-Banker John Thain.

 

Komplexe Managementstruktur wurde vereinfacht

Nebst Cryan wird auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende – und ehemalige Finanzvorstand – Marcus Schenck die Bank nach der Hauptversammlung verlassen. Damit bleibt Frank Strauss alleiniger Leiter der Privat- und Firmenkundenbank und Garth Ritchie alleiniger Leiter der Investmentbank. Sewing selbst ist seit 1989 für die Deutsche Bank tätig und hat seine gesamte Karriere bei dieser verbracht. Den überwiegenden Teil dieser Zeit war er im Bereich Commercial Banking und Risk Management tätig, von 2010 bis 2012 als Chief Credit Officer, von 2012 bis 2013 als Deputy Chief Risk Officer, von 2013 bis 2015 als Head of Group Audit und seit 2015 als Co-Leiter der Privat- und Firmenkundenbank. Citi Research begrüsst zwar die Vereinfachung der Managementstruktur, die zuvor aus ihrer Sicht zu komplex gewesen war, dennoch hegen die Citi-Analysten Zweifel daran, ob die Bank mit der Ablösung von Cryan durch Sewing auf die Erfolgsspur zurückkommen kann. Sie verweisen darauf, dass Sewing bei keinem Wettbewerber der Deutschen Bank gearbeitet hat und zudem über keine praktische Erfahrung im grössten Geschäftsbereich der Bank, im Investmentbanking, verfügt. In diesem Kontext verweisen die Analysten auf Berichte von Bloomberg, wonach der scheidende CEO Cryan mit einer Überprüfung der Investmentbank begonnen habe, um das USA-Geschäft zu redimensio­nieren, während Achleitner die USA weiterhin als wichtig für die globale Strategie der Investmentbank erachtet habe.

 

Schlecht positioniert

Die Einschätzung des Aufsichtsratschefs ist mit Blick auf die schwächelnde Position der Investmentbank kaum nachvollziehbar. Laut Einschätzung von Citi Research ist die Deutsche Bank nach Regionen (Europa-Bias gegenüber den USA), nach Kunden (institutionelle Bias gegenüber Unternehmen) und nach Produkten (FICC gegenüber Equities-Bias) schlecht positioniert. Da das Privat- und Firmenkundengeschäft inzwischen mit der Integration der Postbank beschäftigt ist, konnte das Institut auch nicht im gleichen Mass von den strukturellen Veränderungen auf dem Heimatmarkt profitieren wie die Konkurrenz. Festzuhalten ist, dass es wohl keine gravierenden Einschnitte im Investmentbanking geben wird, darauf deuten auch die Aussagen des Investmentbanking-Chefs Ritchie im Handelsblatt hin. Er betonte, dass die Deutsche Bank in dieser Sparte vorerst keine radikalen Schnitte plane. Seine Aufgabe sei es nicht, den Bereich zusammenzustutzen, sondern vielmehr, die Investmentbank profitabel zu machen, zitiert ihn das «Handelsblatt». Auch Sewing wies in einer ersten Stellungnahme daraufhin, dass das Investmentbankgeschäft wichtig sei, und dass er nur «kleine Adjustierungen» in einzelnen Regionen vornehmen wolle. Nach Bekunden des neuen CEOs will man in Europa die grösste Investmentbank bleiben. Dennoch stellt sich die Frage, ob die Deutsche Bank noch stark genug ist, um mit Wall-Street-Dinosauriern wie J.P. Morgan, Bank of America oder Goldman Sachs mithalten zu können. Gemäss einer Analyse von Thomson Reuters hat die Deutsche Bank im globalen Investmentbanking – gemessen an den Fees – im Jahr 2017 den achten Platz belegt, noch hinter Credit Suisse und Barclays. Die ersten fünf Plätze nahmen die US-Banken ein, mit Einnahmen zwischen 6,7 Milliarden US-Dollar (J.P. Morgan) und 5 Milliarden US-Dollar (Citi). Die Deutsche Bank erzielte Einnahmen von 2,8 Milliarden US-Dollar – und damit rund 60 Prozent weniger als der Marktführer JPM. Wenn man die Gewinne als Massstab nimmt, wird der Vergleich noch gravierender. So erzielte z.B. die Bank of America im Jahr 2017 einen Gewinn von 21 Milliarden Dollar. Im Vergleich dazu: Deutsche Bank –735 Millionen Euro (Credit Suisse –1 Milliarden CHF). Die Ergebnisse in den nächsten Quartalen werden darüber Aufschluss geben, ob das Institut im globalen Investmentbanking weiter an Terrain verloren hat oder ob es sich zumindest als führendes europäisches Institut positionieren kann.
 

Rückbesinnung auf die Wurzeln?

Demgegenüber erwartet die Ratingagentur Scope unter der Leitung des neuen CEO eine von Kosteneinsparungen geprägte Rückbesinnung auf die Wurzeln im Privat- und Firmenkundengeschäft. Sam Theodore, Managing Director Financial Institutions von Scope Ratings, rechnet mit drastischen Kostensenkungen, vor allem im Bereich Investment Banking. Auch wenn Fragen nach Höhe und Geschwindigkeit der Kosteneinsparungen noch unbeantwortet sind, sieht Scope die Deutsche Bank vor einem nicht trivialen Kulturwandel: weg von einem aggressiven, internatio­nalen Wall-Street-Handelszentrum, das den globalen Terminmarkt dominiert, hin zu einer Bank, die sich wieder mehr dem deutschen Markt zuwendet. Da die Bank seit Jahren unterkapitalisiert ist und eine Investitionslücke aufweist, sehen die Citi-Analysten keine schnelle Lösung, auch weil die geringen Kapitalquoten die Fähigkeit der Bank dabei einschränken, zusätzliche Restrukturierungskosten auffangen zu können, falls der neue CEO einen Strategiewechsel beschliessen sollte. Dies schränke auch die Möglichkeit ein, Kapital für das Wachstum in neuen (profitableren) Bereichen einsetzen zu können. Als Folge bestehe das Risiko einer wesentlichen Ergebnisverschlechterung. Auch eine weitere Kapitalerhöhung schliesst Citi Research nicht aus. Daher rät sie unverändert zum Verkauf der Aktie. Die UBS stuft den Titel als neutral ein.

 

Auf der Beobachtungsliste

Auch im laufenden Jahr werden die Herausforderungen für die Bank nicht abnehmen. Presseberichten zufolge hat die Bankenaufsicht der EZB die Deutsche Bank angewiesen, die möglichen Kosten einer Abwicklung des riskanten Investmentbankings durchzurechnen. Es ist das erste Mal, dass die Behörde eine solche Massnahme anordnet. Da auch andere europäische Institute ein Krisenszenario durchspielen müssen, kann sich das Institut nicht wegducken, um sich in Ruhe strategisch neu aufzustellen. Hinzu kommt, dass Standard & Poor’s das Rating für die Deutsche Bank auf die Beobachtungsliste für eine eventuelle Herabstufung gesetzt hat, wie Reuters berichtet. Zudem soll die US-Notenbank verlangt haben, dass die ausländischen Banken ihr US-Geschäft bündeln und wie eine eigene US-Bank führen. Im Visier hat die Fed dabei vor allem die Deutsche Bank, die nach der Einschätzung der Aufseher nicht ausreichend kapitalisiert ist. Insofern könnte sich das neue Management veranlasst sehen, das US-Engagement zu überdenken. Die Aufgaben des neuen Konzernchefs sind vielfältig: Zum einen muss er das Vertrauen der Mitarbeiter und der Investoren zurückgewinnen. Zum anderen muss er die Bank radikal umstrukturieren. Absichtsbekundungen werden nicht reichen, um die Interessengruppen zufriedenzustellen.

 

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