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Digitalisierung
«Die Auseinandersetzung quer durch die Schweiz ist einmalig»

Frau mit VR-Brille
Frau mit VR-Brille: Digital Switzerland will Digitalisierung europaweit auf neue Art thematisieren. Quelle: Getty Images/Westend61

Digital Switzerland ist auf 125 Mitglieder gewachsen. Ihr bisheriger Chef Christian Wenger spricht über Erfolge und Herausforderungen.

Von Stefan Barmettler
am 12.09.2018

Wie viele Christian Wenger gibt es?
Christian Wenger: Ich kenne nur einen.

Sie sind Präsident von Digital Switzerland, Initiant der Startup Days, Präsident beim Incubator BlueLion, Stiftungsrat an der Universität Zürich, Beirat des ETH Enterpreneurs Club, Präsident von Swiss Startup Invest, Partner bei der Anwaltskanzlei Wenger & Vieli und sitzen in einem Dutzend Verwaltungsräte – ein unglaubliches Pensum.
Es gibt eine zeitliche Sequenz. Und bei Digital Switzerland gab ich gestern das Präsidium an Ivo Furrer ab. Dieses Engagement war sicher das grösste, das ich während drei Jahren – übrigens pro bono - ausüben durfte. Bei diversen anderen Mandaten bin ich der Ideen- und Impuls-Geber und nicht derart stark beansprucht.

Die Themen Digital und Startup scheinen Sie zu elektrisieren. Weshalb?
Ich arbeite sehr gerne mit Jungunternehmern zusammen, habe Freude, wenn sich ihre Firma entwickelt. Diese vielfältigen Kontakte halten meinen Geist wach, weil ich stets neue Themen kennenlerne; es sind in diesem Ökosystem ganz viele unkonventionelle Köpfe am Werk, die grosse Pläne schmieden. Das alles fasziniert mich.

Wie sind Sie auf den Geschmack gekommen?
Nach dem Jus-Studium ging ich für ein Postgraduate in die USA. Der Aufenthalt an der Duke University in North Carolina hat mich stark geprägt. Dort habe ich die Ökonomie neu entdeckt. Seither sehe ich mich als ökonomischen Juristen oder juristischen Ökonomen. Nachdem ich zurück in der Schweiz war, habe ich mich mit Partnern an meiner ersten Firma beteiligt und war fortan nicht nur als Anwalt unterwegs, sondern auch als Gründer und Unternehmer. In der Kanzlei Wenger & Vieli haben wir über die letzten 25 Jahren die Bereiche Venture Capital und Private Equity aufgebaut.

Und wie sind Sie in Digitalwelt geraten?
An der Duke besuchte ich diverse Kurse zum Internet. Das war 1996, als eine Website noch fast eine Minute brauchte, bis sie geladen war. Damals war ein grosses Thema die Zahlungsabwicklung übers Internet, zudem entwickelte ich Pläne für eine Online-Anwaltskanzlei. Als ich zurück in der Schweiz war, wollte ich im Palo Alto im Silicon Valley eine Tochterfirma aufzubauen. Zum Glück haben dies meine Partner schon in der Frühphase verworfen. Es wäre ein Desaster geworden.

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In den letzten zehn Jahren ist der Digital-Express auch in der Schweiz angerollt.
Absolut. Der Geist hat sich verändert, heute ist Digitalisierung und die Chancen und Folgen davon in aller Munde. Digital Switzerland, das wir 2015 in Zürich gründeten, hat wesentlich dazu beigetragen. Als wir die Kräfte unter einem Dach bündelten, löste dies eine kraftvolle Bewegung aus. Der Wakeup-Call hat auch beim Staat gewirkt. Der Bund und viele Kantone haben nachgezogen. Auch im Kanton Zürich wird jetzt über einen digitalen Beirat nachgedacht.  

Digital Switzerland ist eine Standort-Initiative. Wäre dies nicht Aufgabe des Staats statt eines Vereins?
Es sind ja nicht nur Privatfirmen dabei, sondern auch Kantone, Universitäten, Institutionen und Betriebe wie SBB oder Post. Es ist aber zweifellos einfacher, wenn die Privatwirtschaft vorausgeht, da man an weniger staatliche Vorschriften gebunden ist. Und dann hat es ganz einfach Spass gemacht, mit erfahrenen Managern und bedeutenden Unternehmern etwas auf die Beine zu stellen.

Eine Ansammlung von Alphatieren.
Dem würde ich nicht widersprechen. Aber wir haben alle dieselbe Vision und haben uns immer auf Projekte und Strategien geeinigt – und angepackt. Umso schöner ist es für uns, wenn auch staatliche Institutionen mitziehen. Ich habe diverse Male mit Behörden zusammengearbeitet, da kommt man früher oder später halt oft in Spannungsfelder, die schwer zu überwinden sind. Für einen Erzliberalen wie mich war diese Erfahrung nicht immer einfach. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie Doris Leuthard, Johann Schneider-Ammann und Ueli Maurer mithalfen, die Schweiz digitaler zu machen.

Der Verein startete als Digital Zurich 2025, später wurde Digital Switzerland daraus. Weshalb?
Die Idee begann in Zürich – und als sie sich ausdehnte, war bald die Beteiligung der Romandie ein Thema. Besonders mit der EPFL in Lausanne mit Präsident Martin Vetterli bestanden früh enge Kontakte. Da war es nur folgerichtig, Zürich durch Schweiz auszutauschen.

Christian Wenger
Christian Wenger: Übergibt das Präsidentenamt für Digital Switzerland an Ex-Swiss Life-Chef Yvo Furrer.
Quelle: .

Für eine nationale Bewegung fehlt das Tessin.
Wir haben mit Patrizia Pesenti, der ehemaligen Tessiner Regierungsrätin, eine gute Botschafterin; mittlerweile sind ein halbes Dutzend Firmen dabei. Zudem organisieren wir regelmässig Anlässe im Tessin. Aber ja, es wäre schön, wenn wir da weiterwachsen.

Digital Switzerland: Ist das nicht zu tief gezielt? Gerade im Digitalen spielen Landesgrenzen kaum eine Rolle.
Zuerst einmal wollen wir mithelfen, dass die Schweiz zu einem führenden digitalen Standort in Europa wird. Da sind wir auf gutem Weg. Weiter habe ich die unbescheidene Idee, Digital Switzerland auch in anderen Ländern in Europa zu lancieren und so ein internationales Netzwerk aufzubauen und Einfluss geltend zu machen. Denn als kleines Land kann man im Konzert der Grossen nicht allzu viel bewegen. Hingegen sehe ich Potenzial, wenn wir eine europäische Bewegung anstossen könnten. Aber davon sind wir noch weit weg.

Digital Switzerland ist ein Männerclub – im Executive Board sitzt neben 15 Männer bloss eine Frau.
In der Geschäftsstelle arbeiten sehr viele Frauen. Zudem lade ich alle Frauen ein, sich aktiv einzubringen. Wir sind offen!

Verraten Sie uns Ihr Geheimnis: Wie führten Sie einen Verein mit 45 Mitgliedern im Steuerungsausschuss?
Gar nicht (lacht). Im Ernst: Wir haben aus dem Nichts einen Startup mit nationaler Strahlkraft aufgebaut. Dieser Startup ist unglaublich schnell gewachsen, mittlerweile zählen wir 125 Mitglieder. Es hat mich in der Tat einigen Aufwand gekostet, die Organisation mitzuziehen. Nun liegt es an Ivo Furrer, meinem Nachfolger, den Verein weiterzuentwickeln. Er bringt Begeisterung und vielfältige Erfahrung aus der Privatwirtschaft mit.

Ihr grösster Erfolg als Präsident – der nationale Digitaltag?
Das rasante Wachstum war sicher ein Erfolgsausweis. Dann war der Digitaltag sicher ein grosser Schritt. Digital Switzerland hat, da bin ich überzeugt, einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit geleistet und konkrete Projekte für KMUs, Schulen oder Startups angestossen. Klar beschäftigen sich ganz viele Leute täglich mit der Digitalisierung, aber die breite Auseinandersetzung quer durch die Schweiz war und ist einmalig.